Digitale Transformation: 3 Fragen, die sich Entscheider im Systems Engineering regelmäßig fragen sollten

Vor ein paar Wochen diskutierte ich hier die Bedeutung der digitalen Transformation für die Disziplin des Systems Engineering. Die Quintessenz war, dass Modellierung ein Enabler für die digitale Transformation der Entwicklung ist. Doch damit sind wir noch nicht am Ende, denn Modellierung ist ja an Sich nicht neu. In diesem Artikel geht es drei Fragen, die Entscheider im Systems Engineering regelmäßig beantworten sollten, um überlebensfähig zu bleiben.

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Modelle in der Produktentwicklung

Im vergangenen Artikel zur digitalen Transformation wurde die Modellierung als wichtiger Enabler aufgeführt. Nur Modelle erlauben ein effektives Verzahnen von Artefakten. Nur mit einem sauberen Anforderungsmodell kann mit vernünftigen Aufwand festgestellt werden, wie sich die Änderung einer Anforderung auf die Entwicklung auswirkt. Und damit sind wir schon bei einem wichtigen Punkt: Modellierung darf kein Selbstzweck sein (und digitale Transformation mehr als ein Buzzwort). Zu dem Thema hatte ich bereits eine Liste erstellt: 18 Dinge, die Sie mit Systemmodellen machen können. Viele der dort aufgeführten Dinge können die digitale Transformation unterstützen.

Aber das allein reicht nicht aus, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Auf Entscheiderebene sollten wir uns daher ein paar grundsätzliche Fragen stellen, um uns den kommenden Herausforderungen zu stellen. Hierzu ist auch dieser Forbes-Beitrag zur digitalen Transformation lesenswert.

Fragen auf der grünen Wiese

Als erstes müssen wir uns vom Status Quo trennen, denn dieser schränkt uns viel zu viel ein. Daher wäre die erste Frage:

1.Wenn ich komplett neu anfangen dürfte, wie würde ich die Entwicklung strukturieren, um digitale Möglichkeiten so effektiv und wertschöpfend wie einsetzen nutzen zu können?

Hier wird bewusst offen nach der Entwicklung gefragt, ohne auf ein Werkzeug, eine Methode oder ähnliches einzuschränken. Die Stichwörter sind „effektiv“ und „wertschöpfend.“

Die Antwort auf diese Frage kann in viele verschiedene Richtungen gehen: Wie gehe ich besser mit Änderungen um? Wie kann ich Komponenten wiederverwenden? Sowohl meine eigenen, als auch die von Zulieferern? Oder Open Source? Wie kann ich die Einzelteile der Komponenten von einander entkoppeln, und gleichzeitig Vertrauen in die Qualität des integrierten Systems haben?

Diese Frage ist wichtig, weil sie uns erlaubt, strategisch zu denken.

Von Daten über Informationen zu Metriken und Trends

Leider haben wir selten den Luxus, so frei an unsere Entwicklungsprozesse heranzugehen. Daher sollte die die folgende Frage regelmäßig, in kurzen Abständen gefragt werden:

2.Welche Daten sind nützlich und können die Entwicklung nachhaltig verbessern?

Eine der zentralen Ideen der digitalen Transformation ist der Zugang zu (digitalen) Daten. Aber nur, wenn Daten ausgewertet werden, werden diese zu Information. Da kontinuierlich neue Daten gesammelt werden, sollten diese auch kontinuierlich auf Nutzen untersucht werden. Wenn solche identifiziert werden, dann sollten sie auch eingesetzt werden: Aus den Daten müssen Metriken abgeleitet werden, diese ermöglichen das Erstellen von Trends. Darauf basierend können dann Verbesserungen gesucht und priorisiert werden.

Auch hier wieder ein praktisches Beispiel. Die Anzahl der Änderungen pro Anforderungen pro Zeit ermöglicht das Messen der Volatilität (Unbeständigkeit) von Anforderungen. Das könnte auf Anforderungen hinweisen, die Risiken bergen. Eine Metrik für die Volatilität von Anforderungen eingeführt werden, wodurch risikobehaftete Anforderungen proaktiv entschärft werden können. Zuletzt könnte analysiert werden, ob sich dadurch der Aufwand für die Nachbearbeitung reduziert, wofür ebenfalls eine Metrik gefunden werden muss.

Der Leser ahnt es vielleicht schon: Diese Technik kann wunderbar agil umgesetzt werden und sollte parallel zur normalen Entwicklung laufen. Ein Backlog aus datengetriebenen Ideen kann damit kontinuierlich abgearbeitet werden. Manche werden nicht überleben, aber das ist Teil des Prozesses.

Die Brücke zum Geschäftsmodell

Gerade heute können wir uns nicht leisten, im Systems Engineering die Geschäftsziele außer acht zu lassen. Das bedeutet in der Regel: „Bessere Produkte schneller.“ Ich habe bewusst die Kosten außen vor gelassen. Kosten sind natürlich ein wichtiger Bestandteil der Gleichung, aber innovative Unternehmen beschäftigen sich in der Regel mehr mit Kundenwert und Return of Investment, statt direkt mit den Kosten. Aber auf beides haben die Kosten natürlich Einfluss.

Innovative Unternehmen achten mehr auf Kundenwert und RoI, weniger auf Kosten Twittern

Gerade die Kundensicht ist dabei sehr wichtig: Denn die digitale Transformation ermöglicht es plötzlich, den selben Wert für den Kunden ganz anders zu generieren. Auch hier ein konkretes Beispiel: Daimler und BMW haben Car2Go, bzw. DriveNow aufgebaut. Der Kundennutzen „Transport“ wird nach einem komplett neuem Modell erzeugt. Das traditionelle Auto erzeugt einen Wert für den Besitzer, steht jedoch über 90% der Zeit ungenutzt herum. Das Modell „Car on Demand“ erhöht die Einsatzdauer des Fahrzeugs und reduziert dadurch drastisch die Kosten, verglichen mit dem Auto als Eigentum (diese Rechnung geht natürlich nicht für alle Nutzerprofile auf – aber darum geht es hier nicht). Und damit sind wir bei der dritten Frage, die Entscheider im Systems Engineering sich fragen müssen:

3.Welche Maßnahmen schaffen Kundenwert und haben ein hohes ROI?

Fazit

Diese drei Fragen zur digitalen Transformation sind leicht gestellt. Die Herausforderung ist es, diese recht hoch angesetzten Fragen in konkrete Maßnahmen umzusetzen, die in ihrer Summe das Unternehmen überlebensfähig halten. Sonst werden wir von dem Wettbewerb überrollt – schöne neue Welt!

Photo by rawpixel.com on Unsplash

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.