Century-Support: Warum Langzeitpflege ein echtes Problem ist

In diesem Gastartikel von Carsten Pitz geht es um ein Thema, das in den letzten Jahren hochaktuell geworden ist: Wie stellt man sicher, dass ein Produkt über den gesamten Lebenszyklus gepflegt werden kann, wenn dieser in Jahrzehnten gemessen wird? Dabei ist ein Zeitraum von hundert Jahren – also Century-Support – gar nicht mal so abwegig.

Ich habe über die Jahre von genug Beispielen gehört, wo dies ein großes Problem ist. Von Zugsteuerungen, bei denen Defekte erst nach Jahrzehnten entdeckt wurden und Signalanlagen, die in einem reduzierten Modus betrieben werden müssen, da eine (Software-)Reparatur aufgrund mangelnder Informationen nicht rentabel ist.

Viel Spaß beim Lesen des ersten Teils zu einem Thema, dass gerade wegen der heutigen Schnelllebigkeit immer wichtiger wird.

Gastbeitrag von Carsten Pitz: Motivation (Teil 1)

Century Support: Das bedeutet Produktsupport für hundert Jahre – oder mehr. Um zu zeigen, warum das überhaupt notwendig ist, möchte ich ein Beispiel aus meinem Produktumfeld nennen. Es ging um ein S1000D basiertes IETD System. IETD steht für interaktive, elektronische technische Dokumentation, und S1000D ist eine internationale Spezifikation für das produzieren von technischen Veröffentlichungen.

In den Jahren 1999 und 2000 hatte ich als Architekt und Senior Entwickler das technische Konzept für das IETD System erstellt und die Entwicklung der Prototypen geleitet. Mein Arbeitgeber zu diesem Zeitpunkt war ein kleineres Systemberatungshaus mit etwa 100 Mitarbeitern. Wir waren auf Projektarbeit getrimmt und hatten weder geeignete Mitarbeiter noch die Infrastruktur ein Produkt langfristig zu pflegen. Entsprechend wurden die Prototypen im Jahre 2000 mitsamt Entwicklungsunterlagen dem Kunden übergeben, der dann eine andere Firma für die Weiterentwicklung beauftragte.

2002 war es soweit, die ersten Pilotprojekte nutzten das IETD System produktiv. Unser Konzept war aufgegangen, der Kunde war zufrieden. Und dann wurde es für ein paar Jahre still.

Mittlerweile hatte der Kunde schon über 400 Systeme mit dem IETD System dokumentiert. Darunter Systeme mit sehr hoher Nutzungsdauer. So trat der Kunde 2009 mit einer Anfrage an uns, ein Konzept zu erstellen, um 50+ Jahre Produktsupport sicherzustellen. Die 50 Jahre waren das offizielle Statement, unter der Hand machte der Kunde uns klar, dass ein Konzept für einen unbefristeten Support gewünscht wurde.

Offiziell wurde Support für 50 Jahre gefordert, doch gewünscht war eigentlich zeitlich unbefristeter Support Twittern

Bei der S1000D handelt es sich um ein Dokumentationsstandard aus der Luft- und Raumfahrt. Sie stammt von der AeroSpace and Defence Industries Association of Europe (ASD) und wurde von der Aerospace Industries Association of America (AIA) und dem ATA e-Business Program übernommen. Unser Kunde hat jedoch nicht ausschließlich Flugzeuge mit dem IETD System dokumentiert.

Zum Lebenszyklus von Flugzeugen

Warum so ein langer Supportzeitraum überhaupt benötigt wird, soll am Beispiel des Lebenszyklus von Flugzeugen gezeigt werden:

Airbus A300

1972 Die Entwicklung des Airbus A300 begann im Jahr 1972.
2007 Der Airbus A300 wurde bis 2007 produziert.
2040 Nach aktueller Planung soll der Airbus A300 bis 2040 gepflegt werden.
78 Jahre Das macht mal eben 78 Jahre Lebenszyklus.

Boeing B-52

1946 Die Entwicklung des Boing B-52 Stratofortress begann bereits im Jahr 1946.
1952 Der Erstflug fand im Jahr 1952 statt.
2044 Nach aktueller Planung soll der Boing B-52 Stratofortress wie der Airbus A300 bis 2040 gepflegt werden.
98 Jahre Das macht dann 98 Jahre Lebenszyklus.

Nun ja, 98 Jahre Lebenszyklus ein wenig aufgerundet ergeben dann 100 Jahre Lebenszyklus, und damit den Century Support. Das entspricht etwa vier Generationen. Haben Sie jemals mit Ihren Ur-Großeltern diskutiert?

Century-Support  ist vergleichbar mit einer Diskussion mit den Ur-Großeltern Twittern

Vier Generationen bedeuten Änderungen sowohl technischer als auch sozialer Art. Wie geht das? Mir ist bewusst, viele empfinden den Schnitt hier als gemein, als einen Cliff-Hanger. Aber dieser Schnitt ist weder gemein noch ein Cliff-Hanger, bietet dieser Ihnen doch einen Monat Zeit zu überlegen: Wie würde ich das angehen? Ich bin gespannt auf Ihre Meinung im Kommentarbereich.

Bild: Bigstock

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.

One Pingback/Trackback

  • Charles Rivet

    Thank you, Carsten, for bringing this to everyone’s attention. Many people in IT industries and a few people in the systems industries don’t know about this, but it is a serious concern for quite a few people. I remember working with a team, about 10-15 years ago, that still had to maintain software written in the early 1960’s (in FORTRAN).
    This is something that is recognized at the Eclipse Foundation though its Long Term Support (LTS) Working Group – and PolarSys (Eclipse’s Systems Working group) is a member of LTS.

    • pica

      Hi Charles,
      I got a bad cold, so my answer is late.
      Some time ago I noticed a 80 years number as a PolarSys LTS requirement. Is this number still in discussion?
      /Carsten

      • Charles Rivet

        Hi Carsten,
        PolarSys provides both Eclipse’s LTS (0-10 years) and VLTS (Very Long Term Support 10-50 years) services to its members. Note that VLTS supports assumes the availability of virtualisation technology. For longer term support, one would have to discuss their requirements with the Eclipse Foundation’s LTS Group steering committee, who is responsible for defining the length of the offerings. The PolarSys working group, being a member of Eclipse LTS, uses the defined offerings.

  • Gast

    Das scheint zunächst eine Frage des business case zu sein. Also: Welche Versicherung würde sich darauf einlassen, einen Vertrag auf 100 Jahre abzuschließen? Ich vermute mal: Keine.
    Am ehesten kann hier nur ein Waldbesitzer mitreden, der weiß dass sein „Produkt“ an einen Generaionenvertrag gebunden ist. Wald mit 5 Jahren Laufzeit gibt es – zum Glück – noch nicht.
    Die Frage generationenübergreifenden Wissens-Managements ist also vorrangig ein kulturelles, rechtliches und damit auch auch ein politisches Problem.

  • mw

    Das Problem kenne ich in abgewandelter Form. Im Anlagenbau gibt es durchaus Maschinen, die mal 20 – 30 Jahre oder auch 40 Jahre produktiv in Betrieb sind und dabei natürlich auch ab und zu einer Softwareänderung bedürfen. Wenn man es vorher weiß, kann man Vorsorge treffen. Aber irgendwann ist definitiv das letzte Byte geändert, spätestens wenn es kein funktionfähiges Programmiergerät mehr für die 3-Spannungs EPROMs mehr gibt. Dann hilft nur noch Funktionsersatz und partielles Refit. Aber die Maschine an sich kann durchaus weiterbetrieben werden. ITler schauen mich immer ganz ungläubig ob solcher Lifetimes an.

    • pica

      Wenn so mancher ITler wüsste wie alt Teile der Infrastruktur sind, die er täglich nutzt, dann würde er diese siezen. So manche DSL (digital subscriber line) nutzt noch Ölpapier ummantelte Kupferleitungen die unsere Großväter verbuddelt haben. Die Stromversorgung ist zumeist auch nicht jünger.
      /Carsten

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