Interview mit Colin Hood zum Systems Engineering

Für Menschen, die im Anforderungsmanagement unterwegs sind, ist Colin Hood eine bekannte Größe. Colin Hood ist Systems Engineer und langjähriges Mitglied bei IET und INCOSE (bzw. der deutschen GfSE), sowie Mitgründer des International Requirements Engineering Board (IREB). Als Experte in Requirements Engineering und Requirements Management ist er Autor von mehreren Büchern und wird häufig als Sprecher auf Konferenzen eingeladen.

In verschiedenen Tätigkeitsfeldern war und ist Colin Hood verantwortlich für die drastische Reduzierung des Aufwands in Entwicklungsprojekten. Seine Spezialität ist neben der Verbesserung des Requirements Engineerings die Unterstützung des Veränderungsprozesses bei der Einführung neuer Methoden und Werkzeuge. Heute spezialisiert er sich auf die Befähigung von Menschen und Organisationen durch die Unterstützung im Systems Engineering und bietet über Colin Hood Systems Engineering dazu Coachings und Training an.

Colin, Dein Schwerpunkt war schon immer Requirements Engineering (RE). Wie siehst Du die Beziehung zwischen Systems Engineering (SE) und RE?

Als RE-Experte könnte ich RE im Mittelpunkt sehen und alle anderen Disziplinen des SE darum herum. Aber mir ist natürlich bekannt, dass andere Experten das aus deren Perspektive anders sehen. Zum Beispiel könnte ein Projektmanager das Projektmanagement als Mittelpunkt vom SE sehen, mit Schnittstellen und Berührungspunkten zwischen allen anderen SE Disziplinen.

Möglicherweise sieht auch ein Konfigurationsmanager überall Konfigurationen und sieht Anforderungen dann lediglich als einen Teil der Konfiguration. Das ist also weitaus mehr, als die Konfiguration nur in den Mittelpunkt von SE zu stellen.

Ich sehe das nicht so mit Requirements. Alle Disziplinen im SE sind ebenbürtig, und alle SE Disziplinen haben Schnittstellen und Berührungspunkte zwischen allen anderen SE Disziplinen.

Welches sind Deiner Meinung nach die wichtigsten SE-Themen in den kommenden Jahren?

Immer wieder müssen Menschen zusammenarbeiten. Bevor ich in die Zukunft schaue, möchte ich erst einmal zurückblicken. Als ich vor über 37 Jahren mein Arbeitsleben begann, waren fast alle Ingenieure auch Systems Engineers. Es war uns allen klar, dass wir zusammenarbeiten mussten. Als ich in den 70ern gearbeitet habe, hatte ich Qualifikationen im Electrical und Mechanical Engineering. Und es war allen klar, dass diese Bereiche zusammenspielen mussten. Ich arbeitete zum Beispiel an Schwachstrom-Steuergeräten (Elektronik), die starke Motoren (Elektrik) steuern mussten. Ebenso gab es oft Schnittstellen zwischen der Mechanik und Elektronik. Ingenieuren vor 20 Jahren war klar, dass Dinge, die warm werden, auch gekühlt werden müssen.

Systems Engineers brauchen praktische Erfahrungen über mehrere SE Bereiche hinweg.

Ich glaube, wir haben etwas verloren: Die Universitäten lehrten vor zehn Jahren entweder Electrical Engineering oder Mechanical Engineering, und erst in letzter Zeit beginnen wir wieder, den SE-Gedanken wieder mit ins Spiel zu bringen. Als wir damals studiert hatten, war der Schwerpunkt von Electrical Engineering auch Systems Engineering. Das war ein Baustein – nein, der Grundstein – von allem, was wir getan haben, obwohl es gar nicht Systems Engineering genannt wurde. Das war vor über 30 Jahren, und wir haben das verloren. In der Zukunft sehe ich, dass die Disziplinen wieder zusammenkommen, dass sie miteinander reden und einander verstehen müssen.

Was ist Deine Meinung zur Ausbildung von Systems Engineers? Sind die bestehenden Studiengänge adäquat?

Heute gibt es Diplome im Systems Engineering, aber ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist. Ich glaube, ein Systems Engineer hat Fähigkeiten wie ein „T“, sowohl breites Verständnis (über mehrere Bereiche) und auch eine tiefe Spezialisierung in einem Bereich. Wir brauchen Kenntnisse über sehr viele Dinge, das Wissen muss breit sein. Aber es hilft, wenn man in einem Spezialgebiet tiefes Wissen und Erfahrung hat. Ein SE-Abschluss ist zu früh in der Berufslaufbahn eines Ingenieurs, da es nicht die Zeit gibt, sich zu spezialisieren. Ein MSc in Systems Engineering wäre eine gute Ergänzung zu einem BSc in einem spezifischen Engineering Bereich (z.B. Electrical Engineering).

Das erinnert mich an die Aussage von Heinz Stoewer (ehem. INCOSE-Präsident), der im Prinzip das selbe gesagt hat. Wie sieht denn Deiner Meinung nach die perfekte Systems Engineering-Ausbildung aus?

Deutsch ist nicht meine Muttersprache: Ich hatte einmal eine ähnliche Frage gestellt, und jemand hatte mich korrigiert: Es sei keine Ausbildung, sondern eine Weiterbildung. Das ist vielleicht eine Nuance der Sprache, aber im Gespräch kommt es viel besser an, wenn man einem 40 Jahre alten Menschen sagt, er soll eine Weiterbildung machen – statt Ausbildung. Das ist sicherlich auch ein psychologischer Effekt.

Systems Engineering ist keine Ausbildung, sondern eine Weiterbildung.

Viele meiner Kunden haben das inzwischen erkannt, und ich konnte Entscheider davon überzeugen, dass SE gebraucht wird. Kunden sprechen mich an, weil es zum Beispiel Probleme gibt, ein System in Betrieb zu nehmen. Ich bringe dann das Team zusammen in einen Raum: 40, 50 Leute, oder auch 100 Leute. Ich stelle dann einfache Fragen, zum Beispiel: „Wer ist für die Elektronik zuständig?“, und „Wer ist für die Software verantwortlich?“. Jedes Mal gehen ungefähr die Hälfte der Hände hoch. Wenn ich dann frage, „Wer ist für das System zuständig und dafür, dass alles zusammen funktioniert?“, meldet sich in manchen Organisationen niemand. Manche Organisationen teilen die Verantwortung nach Disziplinen auf. Wenn es für den wesentlichen Teil, dass am Ende das Gerät funktionieren muss, keinen Verantwortlichen gibt führt dies zu großen Problemen.

Wir brauchen jemanden der verantwortlich ist, dass das Gerät am Ende funktioniert!

Allerdings habe ich oft gesehen, dass sich der Projektmanager oder Produktmanager für diese Aufgabe verantwortlich fühlt, gerade bei größeren Projekten.

Ich kenne Projektmanager, die fühlen sich verantwortlich für das Budget, aber nicht unbedingt für die technische Lösung. Sie sind einfach zu weit von der Technik entfernt. Sie brauchen jemand mit tieferen technischen Kompetenzen. Sie brauchen einen Systems Engineer.

Um sich weiterzubilden empfehle ich System Ingenieuren sehr stark die Mitgliedschaft bei der GfSE und die aktive Teilnahme an deren Workshops und Meetings.

Was hast Du für die Zukunft geplant?

In der Vergangenheit habe ich im Berufsleben viel von erfahrenen Ingenieuren gelernt, viel mehr als an der Universität. Ich habe ein Diplom in Electrical Engineering, ich habe einen MBA und viele andere Qualifikationen. Aber wenn ich die auf die letzten 37 Jahre zurückschaue, dann gab es viele Leute, die mir geholfen haben, viel auch über Organisationen wie IET oder INCOSE. Nun versuche ich, etwas davon zurückzugeben. Und das möchte ich auch in der Zukunft machen, indem ich den Leuten helfe.

Meine Stärken liegen nicht im Vertrieb. Die Aufträge gewinne ich, weil meine Kunden wissen, dass ich ihnen wirklich helfen kann. Wenn ich Menschen und Organisationen helfen kann Probleme zu bewältigen, dann bin ich zufrieden. Wenn ich Menschen helfe in deren Rolle zu wachsen, dann bin ich sehr zufrieden. Das ist der Reiz meines Jobs.

Colin, vielen Dank für das Gespräch.

Michael Jastram führte dieses Interview mit Colin Hood am 15. Dezember 2015

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.

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