Digitale Transformation: Buzzwort oder Substanz?

Digitalisierung ist in aller Munde, ich selbst kann es kaum noch hören. Aber es wird nicht ohne Grund darüber gesprochen, denn selbstverständlich gibt es einen Grund, dass das Thema diskutiert wird. Was Digitale Transformation für das Systems Engineering bedeutet, möchte ich hier beleuchten.

Was ist Digitalisierung überhaupt?

Digitalisierung bedeutet weg vom Analogen, ganz banal gesagt. Also kein Papier, sondern Dateien. Wenn es aber so einfach wäre, dann hätten wir die Digitalisierung ja schon längst hinter uns, denn die Schreibmaschine ist längst aus den meisten Büros verschwunden und wird nur noch in Nischen eingesetzt.

Bei der Digitalisierung geht es aber auch darum, die neuen digitalen Einheiten auch voll- oder teil-automatisiert verfügbar zu machen. Dazu ein Beispiel aus meinem Arbeitsbereich: Ich arbeite schon lange mit ReqIF, dem Requirements Interchange Format. Das ist ein Dateiformat für den verlustfreien Austausch von Anforderungen. Bei ReqIF bleiben die wichtigen Anforderungsstrukturen erhalten, also Hierarchien, Verlinkungen, Attributierungen.

ReqIF löst in vielen Fällen einen Austausch über Word, Excel oder PDF ab. Das sind zwar auch schon digitale Inhalte, aber unstrukturiert. Mit anderen Worten, die Digitalisierung besteht hier aus drei Stufen:

  • Stufe 1: Papier
  • Stufe 2: Unstrukturierte digitale Form (Word)
  • Stufe 3: Strukturierte digitale Form (ReqIF)

Mit Stufe 2 hat die digitale Transformation begonnen, aber erst mit Stufe 3 ist sie abgeschlossen.

Digitale Transformation in welchem Scope?

Die nächste Frage ist, wo die digitale Transformation stattfinden soll. Da gibt es primär zwei Bereiche:

  • In der Entwicklung
  • Im Produkt

Beide Bereiche sind wichtig, aber werden doch unterschiedlich angegangen. Das Beispiel ReqIF stammt aus der Entwicklung, wo über ein verlustfreies Austauschformat wesentlich effizienter entwickelt werden kann. Gleichzeitig scheint sich auch jedes Unternehmen verpflichtet zu fühlen, deren Produkte irgendwie zu digitalisieren. Für manche Produkte macht das sicherlich viel Sinn, wie bei einem modernen Smartphone. Bei manchen Produkten macht es vielleicht Sinn, muss aber mit möglichen Nachteilen abgewogen werden, wie beim vernetzten Auto zum Beispiel. Denn der Nutzen ist zwar da, die Gefahr des Missbrauchs ist hoch. Und bei manchen Produkten muss man sich ernsthaft fragen, ob außer überhaupt noch ein (Kunden-) Nutzen gefunden werden kann. Wie zum Beispiel eine Saftpresse, die nur funktioniert, wenn sie mit dem Internet verbunden ist.

Digitale Transformation in der Entwicklung

Zumindest für den Fokus dieses Blogs ist die digitale Transformation in der Entwicklung wesentlich interessanter. Denn mit den Methoden des Systems Engineering kann man sowohl Autos als auch Saftpressen entwickeln. Interessant für uns ist eher, was die digitale Transformation für die Entwicklung bedeutet. Und das wurde weiter oben mit dem Beispiel ReqIF bereits suggeriert: Das Ziel sollte sein, dass die Artefakte der Entwicklung intelligent zusammenspielen. Dazu müssen diese Artefakte überhaupt erst einmal von Maschinen verarbeitet werden können.

Standardisierte Matamodelle sind für die digitale Transformation unentbehrlich Twittern

Und damit sind wir bei einem Thema das hier schon mehrfach angesprochen wurde: Die Artefakte der Entwicklung müssen nicht nur digital vorliegen, sie müssen auch verarbeitet werden können. Das geht jedoch nur, wenn die Strukturen zumindest halbwegs brauchbar standardisiert wurden und zumindest rudimentär Einverständnis der Semantik besteht. Es wird zwar viel in diesem Bereich geforscht und gearbeitet, es gibt jedoch noch viel zu tun. Zum Beispiel fängt ReqIF zwar an, sich zu etablieren; jedoch ist das nur eine punktuelle Lösung für ein sehr spezielles Problem. Und auch wenn die Strukturen standardisiert sind, so gibt es keine klare Semantik der Elemente.

Ein anderes Beispiel ist OSLC, ein Service-basierter Ansatz für die Integration in der Entwicklung. Hier ist zwar etwas mehr Semantik zu finden, und der Anwendungsbereich ist breiter; jedoch wird der Standard oft als over-engineered angesehen, und es gibt vergleichsweise wenig Unterstützung, bzw. Akzeptanz.

Fazit

Dies ist nur meine Interpretation von dem, was „Digitale Transformation“ bedeuten kann. Daher möchte ich jedem ans Herz legen, dies zunächst im eigenen Kontext zu klären.

Für das Systems Engineering ist meine Interpretation der Bedeutung: Es zu ermöglichen, dass die Artefakte der Entwicklung intelligent miteinander verzahnt werden können, und der Weg dorthin sind Modelle.

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.