Haben deutsche Autos eine Zukunft?

Bis vor wenigen Jahren genossen die deutsche Automobilhersteller den Ruf, weltweit führend zu sein. Doch seit ein paar Jahren kämpft die Industrie mit vielen Herausforderungen: Abgasskandal, Internetkonzerne, die autonome Autos entwickeln, und neue Märkte, die eigene Fahrzeuge entwickeln, wie China und Indien. Werden deutsche Autos in der Zukunft nur noch ein Nischenprodukt sein?

Der erste Schritt, um ein Problem zu bekämpfen ist, es zu erkennen. Leider sehe ich hier schon ein großes Problem, wie ich gleich anhand einiger Beispiele erläutern werde. Aber selbst, wenn das Problem erkannt ist, müssen die Rahmenbedingungen eine Bekämpfung zulassen. In beiden Bereichen sehe ich leider große Probleme.

Wacht die Automobilindustrie auf?

Vor etwa einem Jahr (2016) unterhielt ich mich mit einem Ingenieur (Daimler). Wir kamen auf das Thema autonomes Fahren zu sprechen. Als ich sagte, dass wir uns diesbezüglich warm anziehen müssen, wies er auf die 100 km lange autonome Fahrt eines Mercedes-Benz im August 2013 hin. Ihm war nicht bewusst, dass Google bereits im August 2012, also ein Jahr zuvor, eine halbe Million Kilometer autonom zurückgelegt hatte.

Mit einem anderen Ingenieur (BMW) unterhielt ich mich bei einer Konferenz dieses Jahr, wo ich auf das Projekt von Joe Justice hinwies, der straßensichere Fahrzeuge im Wochentakt weiterentwickelt, baut und verkauft. Beeindruckt war er nicht: Statt dessen sagte er, dass es ja nicht schwer sei, ein straßentüchtiges Auto zu bauen. Das wirklich schwierige sei die Ausstattung, und da sei BMW nun mal führend.

Dies sind zwei Anekdoten von Linienmitarbeitern. Aber auch die Führung hat ernsthafte Probleme. Das offensichtlichste Beispiel ist VW: Eine profitable Firma mit hoher Kundenzufriedenheit riskiert alles, um… ja, warum eigentlich? Entweder wegen mangelnder Kompetenz (nicht in der Lage, standardkonforme Fahrzeuge zu bauen) oder Gier.

Hersteller, die sich nicht mit Skandalen herumschlagen müssen, scheinen keine Eile zu sehen. Zumindest war das der Eindruck, den Daimler’s Keynote auf der ReConf letzten Jahres vermittelte. Dort erörterte der CIO Siegmar Haasis, wie langsam und gemächlich MBSE eingeführt werden soll.

Was müsste passieren?

Um wettbewerbsfähig zu bleiben lohnt es sich zu untersuchen, wie der Wettbewerb arbeitet. Das offensichtlichste Beispiel ist Tesla, die bereits Fahrzeuge herstellen und verkaufen. Eine weitere Inspiration ist der bereits erwähnte Joe Justice, bei dem übrigens die deutsche Automobilindustrie Schlange steht, um an seinen Schulungen zum Thema „agile Hardwareentwicklung“ teilzunehmen.

Dann gibt es da noch Konzerne wie Apple und Google, die man sich anschauen kann. Fairerweise muss man sagen, dass diese noch kein fertiges Fahrzeug auf den Markt gebracht haben. Wenn man allerdings bedenkt, dass Apple einen höheren Jahresumsatz als Daimler hat ($215 vs. €150 Milliarden), bzw. etwa den zehnfachen Wert, wäre durchaus denkbar, dass ein kleinerer Hersteller „mal eben“ akquiriert wird, um das entsprechende Know-How aufzugreifen.

Zuletzt ist es auch nicht verkehrt, über den Tellerrand der Automobilindustrie zu schauen, zur Raumfahrt zum Beispiel. Kürzlich veröffentlichte ich einen Artikel über SpaceX, die es mit weniger als einer Milliarde Dollar geschafft haben, 50% aller öffentlich ausgeschriebenen Satellitenstarts durchzuführen.

Zum Thema „Was muss passieren“ werde ich demnächst noch einen ausführlicheren Artikel schreiben.

Stimmen die Rahmenbedingungen?

Selbst wenn die Automobilhersteller sich entscheiden, die Herausforderungen anzugehen: Hat der Standort Deutschland überhaupt die richtigen Rahmenbedingungen, um wieder in Führung zu gehen? Beim syscamp Nord wurde dieses Thema im Kontext der agilen Hardwareentwicklung diskutiert, wo sich schnell alle einig waren, dass sich die Denkweise ändern muss.

Leider ist die Politik zum einen zu sehr mit Protektionismus beschäftigt, wie der VW-Skandal zeigt. Gleichzeitig ist Deutschland nach wie vor kein unternehmerfreundliches Land: Industrieförderung fokussiert sich sehr stark auf strukturelle Maßnahmen, wie Breitbandausbau, und nicht genug auf Rahmenbedingungen, die Innovation ermöglichen. Konkretes Beispiel: Der Geodatendienst Here wurde von Audi, BMW und Daimler übernommen, und ist damit eine wichtige Infrastrukturkomponente für autonome Fahrzeuge. Damit existiert zwar die Infrastruktur, nicht jedoch die Innovation. Zum Beispiel beschreibt das Buch „The Alliance: Managing Talent in the Networked Age“ innovative Ansätze, die das klassische Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer komplett auf den Kopf stellen. Solche Ansätze sind jedoch mit deutschem Arbeitsrecht nur schwer vorstellbar. Wie solche Ansätze im Detail aussehen, ist ebenfalls Material für einen weiteren Artikel.

Fazit

Ich hoffe, ich irre mich, aber ich befürchte, dass wir das schlimmste noch nicht gesehen haben: Die deutsche Automobilindustrie steht vor enormen Herausforderungen, und die Industrie scheint dies noch gar nicht erkannt zu haben. Aber selbst wenn ist fraglich, dass die Probleme effizient angegangen werden können.

Meine Hoffnung wäre, dass die Schwerfälligkeit der Industrie durch innovative Start-ups kompensiert wird. Leider sind die Rahmenbedingungen für solche Innovationen in Deutschland nicht sehr gut.

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.