Interview mit David Endler zu Technik und Methoden bei der GfSE

Die Gesellschaft für Systems Engineering ist ein ehrenamtlicher Verein, der ohne einen engagierten Vorstand nicht das wäre, was er heute ist. Dr. David Endler engagiert sich schon seit vielen Jahren bei der GfSE und ist dort Bereichsleiter „Technik und Methoden“.

Hauptberuflich ist David selbständiger Systems Engineering-Experte mit langjähriger Erfahrung im Bereich System Safety. Weiterhin gibt er regelmäßig SE-Zert-Schulungen.

Du bist Bereichsleiter „Technik und Methoden“ bei der GfSE. Was sind hier die aktuellen Entwicklungen und Aktivitäten, die meine Leser interessieren könnten?

Diese Woche findet das Strategiemeeting bei der GfSE statt, auf der wir viele spannende Themen behandeln werden. Ein aktuelles Thema sind die Neugründungen von Arbeitsgruppen, was mich persönlich extrem freut. Denn diese bieten eine schöne Möglichkeit für Mitglieder, aktiv zu partizipieren, neue Themen aufzubringen und sich mit Gleichgesinnten zu treffen und zu diskutieren. Die Arbeitsgruppen sind natürlich mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger aktiv, da das ganze ehrenamtlich stattfindet.

Wir haben derzeit sechs Arbeitsgruppen zu sehr diversen Themen, und hoffentlich schon bald einige mehr.

Auf dem GfSE-Workshop in Hannover sind es häufig die Arbeitsgruppen, die Projekte vorschlagen und dann die Gelegenheit nutzen, an ihren Themen weiterzuarbeiten. Das ist für mich Teil des Mehrwerts, den die GfSE den Mitgliedern bietet.

Gibt es eine Arbeitsgruppe zum Thema Werkzeuge?

Jain; es gibt PLM und die Integration von MBSE, um über den gesamten Produktlebenszyklus die Nachverfolgbarkeit zu ermöglichen. Das ist auch eine der ganz aktiven Gruppen. Ansonsten wird das Werkzeugthema immer von diversen Gruppen am Rand gestreift. Zum Beispiel wird die Gruppe zu funktionale Architekturen von Systemen (FAS) ein neues Plug-In für ihre Methode herausbringen.

Gibt es eine Gruppe zum Thema Security?

Leider nein.  Es gibt eine Gruppe zum Thema Safety, die vor etwa zwei Jahren gegründet wurde und zahlenmäßig auf dem letzen GfSE-Workshop die Größte war. Das ist allerdings in letzter Zeit etwas zurückgegangen – es läuft eben alles ehrenamtlich, und die Projektleitung steckt zur Zeit tief in anderen Projekten. Noch mal zum Thema Security, da gibt es leider keine Gruppe. Ich denke, das Thema wird uns zwangsläufig die nächsten Jahre intensiv beschäftigen.

Methodisch ist der Ansatz bei der Security zwar bekannt, aber das Bedrohungsszenario ändert sich mehr oder weniger täglich.

Du machst ja selbst viel im Bereich Safety. Wie siehst Du die Beziehung zwischen Safety und Security?

Ich sehe das wie bei vielen dieser Querschnittsthemen, es geht alles Hand in Hand. Die große Herausforderung bei Security ist, dass man es nicht – wie bei Safety – mit bekannten Vorgehensweisen und Methoden in den Griff bekommt. Methodisch ist der Ansatz bei der Security zwar bekannt, aber das Bedrohungsszenario ändert sich mehr oder weniger täglich. Bei Safety ist das ganze zumindest halbwegs bekannt: Ein Flugzeug kann abstürzen, ein Schiff kann untergehen, mit dem Auto kann man einen Unfall haben. Bei der Security ist es anders: Klar, es gibt immer Angriffe von außen, die unerwünscht sind, aber da hört es auch schon auf. Dann muss man sich im Detail sehr genau mit dem beschäftigen, was man da tut: Die Einstiegstüren für Hacker ändern sich eben täglich durch die diversen Updates und neue Technologien, die auf dem Markt sprießen. Das macht es zu einem sehr schwierigen Feld, wo Handlungsbedarf besteht. Alle Firmen kämpfen damit.

Neulich habe ich mit einer Firma unterhalten, die Steuerungen für Großanlagen bauen und ein paar Hacker eingeladen hatten. Sie hatten sich Mühe gegeben, den Security-Aspekt mit zu berücksichtigen, und waren sehr frustriert, dass die Jungs nach sieben Minuten alle Passwörter aus dem System gezogen und die komplette Kontrolle über das System hatten.

Obwohl die Firma sich sorgfältig um Security bemüht hatte, hatten die Hacker in sieben Minuten die komplette Kontrolle über das System.

Zurück zum Thema Technik und Methoden: Was kommt da in den nächsten Jahren auf uns zu?

Ich glaube, dass da die Systems Engineering Vision 2025 einen guten Rahmen vorgibt. Dabei wird das Thema Vernetzung uns noch lange beschäftigen, das in großen Teilen schon begonnen hat. Dazu gehört auch das Offshore-Engineering, das groß in Mode kommt, aber nur wenige Firmen effizient umgesetzt haben. Da bedarf es neuer Ansätze, um den ganzen Globus für die Entwicklung nutzen zu können. Was insbesondere noch nicht komplett durchdacht ist, ist die Nachhaltigkeit: Den meisten Firmen mit denen ich mich unterhalten habe sind sich nicht klar ob sie das, was sie von Offshore zurückbekommen, auch wirklich verwenden können, und nicht alles noch einmal überarbeiten müssen.

Den meisten Firmen ist nicht klar ob sie das, was sie von Offshore zurückbekommen, auch wirklich verwenden können.

Globalisierung wird eines der großen Themen sein. Ich glaube, dass aus diesen Gründen die eher weichen Aspekte in der Ausbildung wie soziale Kompetenzen an Bedeutung gewinnen werden. Es gibt starke Anzeichen dafür, dass die GfSE hier auf dem richtigen Weg ist, indem beim SE-Zert eine gewisse Betonung darauf gelegt wird. Diese Bestrebungen werden auch mehr und mehr von der INCOSE erkannt und aufgegriffen.

Das geht in Richtung Ausbildung. Dazu hatte ich ja auch schon einiges geschrieben.

Aktuell werde ich diesbezüglich häufiger angesprochen, auch von jüngeren Leuten, die im SE die ersten Schritte gemacht haben und beispielsweise nach einem Masterstudiengang suchen. Und die sind in Deutschland zur Zeit extrem schwer zu finden. Ich denke, hier ist uns die internationale Konkurrenz noch weit voraus. Wobei ich auch hier schon von einer Hochschule angesprochen wurde, um mit ihr gemeinsam so etwas zu durchdenken. Die Schwierigkeit ist, dass für Systems Engineering schon eine gewisse Erfahrung erforderlich ist. Bei einem Ansatz wie der SE-Zert-Schulung würden uns die Studenten reihenweise davon rennen. Es ist viel zu wenig praxisbezogen und hat zu wenig mit Ausprobieren und Tools anwenden zu tun. Reine Gedankenkonstrukte und Modelle sind für die jungen Menschen da nicht so attraktiv.

Die Frage ist, wieweit man so eine Ausbildung überhaupt nutzen kann, wenn man nicht schon ein bisschen praktische Erfahrung gesammelt hat.

SE-Wissen kommt zu 10% durch Training, 20% durch Coaching und 70% durch Anwenden. (Morgan McKall)

Definitiv. Ich sage meinen Schulungsteilnehmern immer, dass man 10% durch Training erlernen kann, 20% durch Coaching, und die restlichen 70% durch Anwenden, das ist ein Konzept vom Center for Creative Leadership. Das ist wie beim Fahrradfahren, das nimmt einem niemand ab. Es ist notwendig, am Puls dabei zu sein und das selber zu erfahren, und dann seine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.

Zum Abschluss: Was sind Deine Pläne für die nahe Zukunft, bei der GfSE und persönlich?

Im laufenden Jahr haben wir ein riesengroßes Projekt, das viel meiner Zeit frisst, aber über das ich im Moment allerdings noch nicht öffentlich reden darf.

Meine Planung geht in drei Richtungen: Um bei Methoden wirklich voranzukommen, muss ein gewisser Schwerpunkt auf den Themen Normen und Standardisierung liegen. Wir sind mit zwei Mitgliedern bei der DIN vertreten und können daher alle Normen bei der DIN und ISO zum Thema Systems Engineering mit beeinflussen, was wir auch sehr aktiv tun.

Die zukünftigen GfSE-Aktivitäten drehen sich um (1) die Mitgestaltung von Normen und Standards, (2) einen SE-Quick Check für die Industrie und (3) eine solide Wissensbasis für unsere Mitglieder.

Das andere ist, der Industrie einen Mehrwert zu bieten. Wir versuchen schon seit längerem, der Industrie eine Art „Quick Check“ für Firmen zu ermöglichen. Es gibt da Vorarbeiten vom UK-Chapter und INCOSE. So etwas ist sicher notwendig, denn viele Firmen stellen sich viele Fragen, zum Beipiel: „SE – was bedeutet das überhaupt?“; „Wo stehe ich heute?“;  „Was muss ich machen, um weiter voranzukommen?“; „Was ist der Benchmark in meiner Industrie?“ So ein Quick Check wäre für unsere kooperativen Mitglieder von großem Vorteil. Bisher fehlt es ein bisschen an der Zeit, das anzugehen. Aber das Thema ist seit zwei Jahren mit verschiedenen Prioritäten immer wieder auf der Liste.

Das dritte Thema ist für die Mitglieder selbst. Da geht es um Sachen wie die Übersetzung des INCOSE-Handbuchs, als auch die Erstellung eines eigenen GfSE-Handbuchs als weitere Wissensbasis zum Nachschlagen, Erlernen und Bekanntmachen des Themas SE unter den Mitgliedern.

Neben diesen drei Stoßrichtungen gibt es noch ein paar kleinere Themen, die um das Thema SE angesiedelt sind.

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.

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