Interview mit Maik Pfingsten zur deutschen SE-Community

Wer Systems Engineering betreibt und gern Podcasts hört, der kennt sicher den Zukunftsarchitekten von Maik Pfingsten. Dies ist nur eine von vielen Aktivitäten, mit denen er die Community ums Systems Engineering in Deutschland mit aufbaut. Maik startete seine Laufbahn als Troubleshooter im SE, und ist heute als Autor, Speaker und Mentor unterwegs. Maik hat auch das Systems Engineering Barcamp ins leben gerufen (und erfolgreich abgegeben). Beim dritten Berliner Systems Engineering Barcamp führte ich ein Gespräch mit Maik Pfingsten:

Du bist ja sehr aktiv in der deutschen Systems Engineering Szene. Was ist der Stand der SE-Community in Deutschland?

Ich weiß nicht, ob ich das so pauschal und im Detail beantworten kann. Mir fällt auf, dass das Thema immer präsenter und bewusster wird. Wir haben jetzt das fünfte Systems-Barcamp gehabt und alle Rekorde geschlagen, was die bisherigen Teilnehmerzahlen angeht. Ich glaube, das ist ein so komplexes Thema, das es sich gerade in der Industrie mit der Zeit entwickeln wird, und ich erlebe mehr und mehr, dass gerade in mittelständischen Unternehmen das Thema bewusster wird. Und mit dem Bewusstsein entsteht natürlich auch das Interesse und auch Leute die sagen: „Das ist spannend, damit möchte ich mich mehr beschäftigen“.  Gefühlt wächst die Community, wobei ich das nicht in absoluten Zahlen benennen kann.

Was ist für das Community-Building wichtig? Eckpunkte die mir – neben Deinem Barcamp – spontan einfallen, sind: GfSE; SE in der Bildung; SE getrieben von kleinen Unternehmen; SE getrieben von Standards. Was treibt das Ganze voran?

Wichtig ist, dass hinter den einzelnen SE-Themen Menschen stecken, die  die Themen vorantreiben. (Maik Pfingsten)

Ich glaube, all diese Puzzlesteine sind wichtig, um das Thema voranzutreiben, denn alle Puzzelsteine haben eine Aufgabe. Die GfSE ist ja im Grunde mit der INCOSE eine Dachorganisation, die eine übergreifende, organisierte Struktur darstellt. Sie hat damit die Möglichkeit, die Weiterbildung über Zertifikate zu ermöglichen. Das wäre mit den anderen Puzzelsteinen so ohne weiteres gar nicht zu machen. Interessant sind dann auch die regionalen Aktivitäten und die Arbeitskreisaktivitäten der GfSE, wo mehr oder weniger intensiv das Thema beleuchtet wird. das Systems-Barcamp hingegen ist aus meiner Sicht einfach eine Plattform um Leute zusammenzubringen, die sich entweder schon intensiver mit dem Thema beschäftigen, oder einfach wissen möchte, worüber die da reden. Dementsprechend glaube ich, dass jeder Puzzlestein gleich wichtig ist.  Viel wichtiger ist, dass hinter diesen Themen Menschen stecken, die diese Themen weiter treiben, denn sonst würden diese vermutlich mit der Zeit einschlafen.

Was müssen wir machen, um gute Systems Engineers auszubilden? Ganz konkret: Zum einen ist dies über eine INCOSE Zertifizierung möglich, zum anderen gibt es die Ausbildung an den Hochschulen. Welcher Weg ist wann zielführend?

Wenn ich mir die Hochschulen ansehe, dann denke ich da an mein Studium zurück: Ich haben in 2000 als Mechatronik-Ingenieur das Studium abgeschlossen, ein Studium, das schon stark in diese Richtung ging. Allerdings wurde die Gesamtsicht kaum behandelt, vor allem im Kontext des Projektmanagements. Insofern ist es schon interessant, dies in die Hochschulen zu tragen, und viel mehr Bewusstsein für die verschiedenen Themen zu schaffen. Ich erlebe es in meinem Kontext als Mentor: Bei den Themen Lastenheft, Spezifikationen oder Requirements Management bekomme ich das Feedback: „Ich hatte das nicht an der Hochschule gehabt, warum soll ich das plötzlich nach zehn Jahren im Projekt plötzlich tun?“ Das ist etwas anderes, als wenn man an der Hochschule zumindest schon mal mit dem Thema in Berührung gekommen wäre. Dies gilt auch für andere Facetten des SE.

Die Industrie muss motivierte Mitarbeiter unterstützen, sich weiterzubilden. (Maik Pfingsten)

Ein weiterer Punkt ist die Schwerpunktbildung: Ist es ein in der IT ausgeprägtes SE, oder in der Mechatronik? Das sind von der Rolle und der Methodik her ähnliche Tätigkeiten, aber wie sich das System, das Produkt in der Praxis ausprägt, ist dann sehr unterschiedlich. Ein IT-System läuft auf einem Server, ein Mechantronik-System löst eine physische Aufgabe. Da sind zwar die Rollen und Methoden ähnlich, aber im Umgang mit dem eigentlichen System gibt es zum Teil deutliche Unterschiede. Und gerade in der Mechatronik, aber auch beim Maschinenbau ist dieser Teil in der Ausbildung an den Hochschulen ganz, ganz wichtig.

Wenn ich mir angucke, was bei der Zertifizierung geschieht, wie auch bei der GfSE, so halte ich folgendes für wichtig:  Die Industrie, die sich jetzt mit dem Thema beschäftigt, die jetzt Leute haben, die sich entsprechend weiterentwickeln wollen, muss diese entsprechend hochqualifiziert unterstützen und den Leuten die Möglichkeit geben, sich weiterzubilden. Damit kann die Industrie das übernehmen, was – auch aufgrund der Geschichte – im Studium vor 10, 20 Jahren einfach nicht gelernt worden ist.  Das war einfach nicht da.

Wir kennen Deine bisherigen Aktivitäten – Zukunftsarchitekt, Barcamp – was hast Du als nächste vor im Bereich SE?

Es gibt für mich vier Projekte, die dieses Jahr anstehen. Das eine ist natürlich der Zukunftsarchitekt, der sich noch stärker Nerd-Thematiken annehmen wird. Ich habe das Feedback von Hörern gehabt die sagten, sie wollen viel mehr technische Tiefe. Es gabt aber auch eine adäquat gleich große Gruppe die sagte, sie wollen lieber Leadership- oder Projektmanagement-Themen haben. Dementsprechend gibt es einen zweiten Podcast-Kanal der jetzt startet, der heißt Der Troubleshooter als neuen Podcast. Dann gibt es das neue RE-Barcamp, was ich 2016 einfach mal in die Welt bringen werde um herauszufinden ob das die Leute interessiert. Und zuletzt werde ich an meinem Blog zum Erstellen von Lastenheften und der daran angeschlossenen Bibliothek weiterarbeiten.

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.