Interview mit Sven-Olaf Schulze zum SE in Deutschland

Sven-Olaf Schulze sollte jedem in Deutschland, der sich mit Systems Engineering (SE) auseinandersetzt, ein Begriff sein, denn er ist fast seit der Gründung der Gesellschaft für Systems Engineering (GfSE) im Jahr 1997 in dieser aktiv und seit 2009 Vorsitzender.

Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit bei der GfSE war er u.a. Dozent für Systems Engineering an der HAW. Heute ist er Senior Expert bei der UNITY AG.

Ich führte dieses Gespräch am 1. Juni 2016.

Du bist jetzt seit 2003 im Vorstand der GfSE und Vorsitzender seit 2009. Wie hat sich in dieser Zeit die GfSE verändert?

Wie viele Stunden hast Du Zeit? Aber nun im Ernst: Wir hatten aus 2002 noch ein paar negative Ausläufer, denn da gab es die europäische Konferenz 2000 in München, bei der wir einen ziemlichen Boom erlebten. Zur Erinnerung, die GfSE wurde 1997 gegründet, und ein paar Jahre später organisierte sie schon eine europäische Konferenz. Es gab einen sehr engagierten Vorstand, und nach der Konferenz hatten wir auch sehr viele Mitglieder. Aber danach kamen keine Aktivitäten mehr aus dem Verein. Dadurch haben viele Mitglieder 2002 wieder gekündigt. 2003 haben Dr. Scheithauer und ich den Vorsitz übernommen. Wir haben es dann von einem Verein von Enthusiasten in einen Industrieverein entwickelt, insbesondere anfänglich mit Mitgliedern aus Luft- und Raumfahrt, aber immer mit dem Drang, industrieübergreifend aktiv zu sein.

Über die Jahre haben wir dann Attraktivität durch Produkte geschaffen, wie zum Beispiel das SE-Handbuch auf Deutsch, Arbeitsgruppen, die teilweise Benchmark in der INCOSE-Welt sind, bis zur Zertifizierung. Dadurch haben wir zusammen mit den ehrenamtlichen Mitgliedern einiges an Mehrwert generieren können und haben einen entsprechenden Zulauf. Wir sind stolz, dass wir in der INCOSE-Welt den größten branchenübergreifenden Mix an Mitgliedern haben, wodurch sich diese über den Tellerrand hinweg austauschen können.

In der INCOSE-Welt hat die GfSE den größten branchenübergreifenden Mix

Der Anteil der Mitglieder aus Luft- und Raumfahrt ist inzwischen auf unter 20% gesunken und in den letzten paar Jahren von der Automobilbranche, der Medizintechnik und dem allgemeinen Maschinenbau getrieben worden.

Wie hat sich die Wahrnehmung des SE in Deutschland in dieser Zeit verändert?

Es gibt da zwei Aspekte. Wir haben am Anfang versucht, uns als Missionare im SE kundzutun, und das ist ein sehr großer Aufwand. Inzwischen sind wir davon weggegangen und es geht primär darum, sich in der Standardisierung zu engagieren und die Industrie zu vertreten. Natürlich haben andere Normen die Attraktivität an SE unterstützt, Stichwort 26262 im Automobilbereich. Im Medizinbereich gibt es auch eine neue Norm, die den Bedarf an SE weckt, um der Traceability Herr zu werden und auch der Sicherheit von Medizinprodukten. Das hat auch einen immensen Zulauf generiert. Da war über die Standardisierung das Interesse an einer Lösung geweckt, und die Lösung ist SE.

Die GfSE wird heute in den Bereichen Normen und Standards, sowie (technischer) Vernetzung wahrgenommen.

Der andere Aspekt ist die Wirtschaft an sich und die Vernetzung, Stichwort „autonomes Fahren“, Stichwort „Industrie 4.0“, Integration von Software auch in einfachen Produkten, von Vernetzung über Apps oder Städteinfrastruktur, und so weiter. „Die Welt ist ein Dorf“.

Wie steht es in Deutschland mit der Ausbildung zum Systems Engineer, und was ist dabei die Rolle des SE-ZERT®?

Das SE-ZERT® Programm unterstützt das satzungsgemäße Ziel, ein einheitliches Berufsbild zu bekommen und eine Sprache zu entwickeln, um dann adäquat Technologie und Innovation voranzutreiben.

Die Hochschulen haben die Aufgabe, neben den Spezialisten in der heutigen Zeit auch den Bedarf an Generalisten zu bedienen. Wir brauchen natürlich nach wie vor sehr intensiv Fachleute, aber eben auch diesen SE-Gedanken. Wir sind äquivalent aufgestellt zum BWL-Studium, wo damals gesagt wurde: „Wie kann man Wirtschaft und Ingenieurwesen in einen Studiengang packen? Braucht kein Mensch“ – heutzutage reden wir von nichts anderem, und jeder zweite Student ist Wirtschaftsingenieur. Wir sind da heute auf derselben Schwelle wie damals die Wirtschaftsingenieure. Heute wird viel gefragt: „Warum brauchen wir Systems-Ingenieure? Ich brauche eine Fachkraft.“

Das Studium zum Systems Engineer ist an einem ähnlichen Punkt wie das Studium zum Wirtschaftsingenieur vor 20 Jahren: Damals wurde dieses in Frage gestellt, heute sind Wirtschaftsingenieure heiß begehrt. Ich erwarte eine ähnliche Entwicklung beim Systems Engineer.

Da haben die Hochschulen heute schon die Herausforderung, dass der Bedarf an Systems-Ingenieuren gar nicht gedeckt wird. Das sieht man schon am SE-ZERT®. Jeder fragt nach Systems Engineers, die heute niemand mit den entsprechenden Skills liefern kann. Hier sind die Hochschulen gefragt, eine adäquate Ausbildung bereitzustellen. Aktuell sind es oft Master-Studiengänge mit einem Bachelor als fachspezifische Grundlage. Das ist, glaube ich, die Zukunft: Damit kann man in kleineren Projekten als Komponentenverantwortlicher Teams managen, und sich langsam zu einer Gesamtsystemverantwortung im Berufsleben entwickeln.

In den USA ist es ja nicht ungewöhnlich, mit dem Bachelor ins Berufsleben einzusteigen, um dann erst später einen Masterstudium anzutreten.

Es ist eigentlich nur ein Phänomen in Deutschland, dass das nicht stattfindet. Gehst Du allerdings nach Frankreich oder in andere europäische Länder, so ist es schon üblich, dass Bachelor-Absolventen in die Industrie gehen und dort auch einen anständigen Job bekommen. Bei Airbus in Frankreich zum Beispiel gibt es viele Bachelor-Absolventen, die dann aber innerhalb der Firma adäquat trainiert und weitergebildet werden, und dann vielleicht irgendwann noch einen Master machen.

Wie wird es in den nächsten Jahren in Deutschland im Systems Engineering weitergehen? Was sind da die großen Trends?

Die nächsten wichtigen Aspekte sind die Integration und Verknüpfung im Sinne einer werkzeugbasierten durchgängigen Entwicklung. Ich sage bewusst nicht modellbasiert: Du kannst nicht ignorieren, dass es FEM-Methoden und thermische Analysen gibt, für die Auslegung des detaillierten Designs, oder auch 3D-Zeichnungen. Das heißt aber auch, dass die Elemente, die heute State of the Art sind, mit dem Systems Engineering verknüpft werden, um der Komplexität Herr zu werden. Die Zukunft ist also eine Mischung aus Tooling und Methoden.

Im Sinne des Berufsbildes wird sich das immer mehr etablieren und durchsetzen. Die Anwendung des Werkzeugkastens wird sich auch bei reinen Entwicklern und Ingenieuren etablieren, denn jeder muss irgendwo die Kompetenz haben, eine Architekturspezifikation zu verstehen, auch wenn er nicht als Systems Engineer die Gesamtverantwortung hat.

Der „Werkzeugkasten“ im Systems Engineering wird sich immer mehr etablieren und wir müssen sehen, dass wir hier eine einheitliche Sprache und ein einheitliches Verständnis schaffen.

Was ich schade finde, dass die großen Werkzeughersteller die kleinen, innovativen Firmen aufkaufen und in ihren „Molloch“ integrieren. Vor ein paar Jahren hatten wir viele innovative, kleine MBSE-Firmen, die heute unter dem Schirm IBM, PTC, etc. fusioniert wurden. Es gibt nur ganz wenige, eigenständige Firmen die versuchen, sich mit Händen und Füßen dagegen zu wehren. NoMagic aus Litauen ist für mich dafür ein gutes Beispiel. Das ist eine der wenigen, die agil geblieben ist und noch auf den Kunden eingehen. Mir fehlt da ein bisschen der Wettbewerb.

Hast Du noch abschließende Worte?

Wir haben jetzt unseren Bereich „Kooperation“ im Beirat aufgelöst und stellen uns strategisch eher in Richtung kleine und mittelständische Unternehmen auf, zum Beispiel mit der ISO 29110. Wir wollen uns klar auf diese Gruppe ausrichten.

 

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.