Öresundbrücke: Erfolgreiches Systems Engineering

Was macht gutes Systems Engineering aus, und warum fahren manche Projekte aufgrund schlechten Systems Engineering vor die Wand? Diese Frage soll anhand eines konkreten Beispiels, der Öresundbrücke (Øresundsbron), untersucht werden.

Die Öresundbrücke wird oft als Paradebeispiel für erfolgreiches Systems Engineering zitiert, unter anderem auch im Systems Engineering Handbuch der INCOSE. Dort wird die Brücke an mehreren Stellen als Fallbeispiel herangezogen.

Zunächst. für die erfolgreiche Entwicklung eines Systems ist gutes Systems Engineering zwar notwendig, aber natürlich nicht die einzige Voraussetzung. Das Projektmanagement muss auch funktionieren, und die Ressourcen – Personal, Geld, Ausrüstung und Expertise – müssen vorhanden sein. Doch im Folgenden betrachten wir nur das Systems Engineering.

Gutes Systems Engineering ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für ein erfolgreiches Projekt. Auch die anderen Disziplinen müssen stimmen.

Die Öresundbrücke ist ein beeindruckendes Bauwerk und verbindet Dänemark mit Schweden. Das Projekt hat 30 Milliarden Dänische Kronen gekostet – ungefähr drei Milliarden Euro. Aber ich möchte die Brücke hier nicht im Detail beschreiben, da dies schon vielfach getan wurde.

Warum war dieses Projekt erfolgreich? Hier sind die wichtigsten Punkte:

1.Es wurden von Anfang an alle Stakeholder mit einbezogen und während der Durchführung eingebunden.

Besonders relevant war, dass von Anfang an Vertreter des Umweltschutzes herangezogen wurden. Das war nicht nur als Lippenbekenntnis, denn es wurde sogar ein Repräsentant in den Vorstand aufgenommen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand zum Beispiel die Idee, auf der künstlichen Insel Peberholm bedrohte Vögel anzusiedeln. Weiterhin wurde das „Zero Solution“ benannte Prinzip aufgestellt das besagt, dass die Brücke den Wasserfluss nicht beeinträchtigen darf.

Auch aus meiner Erfahrung kann ich bestätigen: Es ist erstaunlich, wie viele Probleme gar nicht erst auftauchen, wenn man die Stakeholder von Anfang an einbezieht –  anstatt sie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Und das trifft auch dann zu, wenn das Ergebnis genau das selbe ist.

2.Es wurden klare, quantifizierte Ziele aufgestellt.

Ziele sind die Anforderungen auf oberster Ebene (high level). Leider findet man häufig schwammige Ziele, die dadurch kaum noch Nutzen haben. Aber „high level“ bedeutet nicht schwammig! Eines der Paradebeispiel für ein gutes Ziel kommt vom US-Präsidenten John F. Kennedy: „Bevor das Jahrzehnt zu Ende geht, werden wir einen Menschen auf dem Mond landen und sicher zur Erde zurückbringen. Ein Satz enthält eine Zeitvorgabe und eine klare, messbare Aktivität.

Auch für die Öresundbrücke wurden klare Ziele vorgegeben. Dazu gehörten unter anderem: der Zeitplan, die Lebensdauer der Brücke, Kapazität, erwartete Umgebungsbedingungen und mögliche Schiffskollisionen.

3.Es wurden ein schlüssiges Konzept entwickelt.

Die Ziele stellten die Grundlage für ein Konzept da, welches nur durch die kooperative Zusammenarbeit der Stakeholder entstehen konnte. Dabei wurden die Ziele selbst ebenfalls weiterentwickelt. Ein gutes Konzept hat eine wichtige Funktion, denn es ermöglicht allen Beteiligten, das Zusammenspiel aller Disziplinen zu verstehen.

Ich bin persönlich ein großer Fan von Konzepten und habe diese schon oft erfolgreich eingesetzt. Je nach Projektgröße sollte ein Konzept in wenigen Stunden zu lesen und verstehen sein. Damit wird neuen Teammitgliedern das Projekt schnell zugänglich gemacht. Es zeigt, wie alles zusammenpasst, und es agiert als Kompass um sicherzustellen, dass die Marschrichtung stimmt.

4.Es wurde von Anfang an mit Änderungen gerechnet.

Da mit Änderungen gerechnet wurde, wurde auch von Anfang an ein ordentliches Änderungsmanagement etabliert. Auch vor größeren Änderungen wurde nicht zurückgeschreckt – so wurde der Navigierungsbereich für Schiffe von 330 m auf 490 m ausgeweitet.

5.Auf das Zusammenspiel der unterschiedlichen Disziplinen und deren Durchgängigkeit wurde besonders geachtet.

Ein Brückenprojekt erfordert eine große Anzahl von Disziplinen – von Geotechnik zu Aerodynamik, Tunnelbau, Erdbebenanalyse und vielen mehr. Hier ist die Arbeit des Systemingenieurs besonders wichtig: Spezialisten schauen selten weiter als bis zu den nächsten Schnittstellen, die oft von außen vorgegeben sind. Aber das Systems Engineering stellt sicher, dass eine ganzheitliche Betrachtung stattfindet.

Ein konkretes und wichtiges Beispiel dafür ist das Thema funktionale Sicherheit. Dazu wurden für die Öresundbrücke entsprechende Analysen durchgeführt.

Fazit: Die Brücke sieht nicht nur beeindruckend aus, die Geschichte der Entstehung ist ebenso spannend. Da die allgemeine Presse gerne über Fehlschläge und Desaster berichtet ist es doch schön zu wissen, dass es auch Erfolgsgeschichten gibt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.

One Pingback/Trackback