Bewusstsein für Systems Engineering schaffen: Interview mit Paul Schreinemakers

Paul Schreinemakers hat mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Produktentwicklung. Er führt seine zwei Unternehmensberatungen, SEPIAdvies BV und How2SE BV, die bei der Anwendung von Systems Engineering in verschiedenen Domänen aktiv sind. Seit 2000 engagiert Paul sich bei INCOSE, seit Anfang 2015 ist er der technischer Direktor der INCOSE.

Beim TdSE 2016 hatte ich die Gelegenheit, mich mit Paul über die Ausbildung im Systems Engineering zu unterhalten.

Internationale ReqIF-Schulung am 28 April, 2017 am Flughafen Düsseldorf. Der englischsprachige Workshop ermöglicht An- und Abreise am selben Tag. Details >>

Dies ist eine gekürzte Übersetzung des Interviews. Der vollständige englischsprachige Text wurde im Formal Mind Blog veröffentlicht.

Ausbildung im Systems Engineering ist eine große Herausforderung – wie gehen wir das Thema an?

Alle Menschen einer Organisation leisten einen Beitrag zum Systems Engineering, und wir müssen dieses Selbstverständnis fördern. Das Systemverständnis wird in der Regel von akademisch ausgebildeten Menschen erwartet, jedoch sollten diese Menschen unbedingt auch verstehen, warum dies notwendig ist. Außerdem trifft dies auch auf andere Menschen in der Organisation zu, bis hin zum Arbeiter.

Jeder, bis hin zum Arbeiter, leistet seinen Beitrag zum Validieren und Verifizieren (Paul Schreinemakers) Twittern

Wir müssen unsere Ausbildung also an die verschiedenen Gruppen anpassen?

Genau. An den Hochschulen wird auch ein gewisses Verständnis vermittelt. Das ist aber nicht für den Fabrikarbeiter der Fall. Aber jeder steiert seinen Wert sowohl zum System, als auch zum Systems Engineering bei. Also ja, passende Schulungen für die verschiedenen Zielgruppen sind sehr wichtig.

Welche Zielgruppen sind zur Zeit abgedeckt, und welche nicht?

Die Lieblingsantwort eines Systemingenieurs ist: „Es kommt drauf an“. Hochrangige Gruppen sind in der Regel gut abgedeckt, nicht jedoch die Forschung. Das ist ein weltweites Problem, nicht nur ein deutsches. Ein Beispiel: Wir haben einen starken Fokus auf das modellbasierte Arbeiten, ohne zuerst eine solide Ontologie als Basis zu definieren.

In den Führungsetagen fehlt zwar immer noch das Bewusstsein für Systems Engineering; aber umgekehrt sind viele Systemingenieure keine Führungspersönlichkeiten. Diese sind oft extrem gut beim definieren von Anforderungen oder bei der Entwicklung einer Architektur, aber sie haben nur mäßige Führungskompetenzen. Und das ist wahrscheinlich ein Understatement.

Es ist wohl ein Understatement zu sagen, dass Systems Engineers nicht immer Führungskompetenz haben (Paul Schreinemakers) Twittern

Es gibt übrigens Firmen, wo der CTO die Nummer Zwei ist, und das ist dann ein wirklicher Systemingenieur mit einem tiefen Systemverständnis. Das ist dann die richtige Art von Systems Engineer auf Führungsebene.

Interessant. Dann muss man zwischen Projekt- und Firmenebene unterscheiden. Aber was bedeutet das dann für die Rolle des Projektmanagers?

In der Regel hat der Projektmanager einen starken Fokus nach draußen: Projektgrenzen, Budgets, Personal. Der Systemingenieur ist nach innen gerichtet und kümmert sich um die Menschen und die interne Organisation. Beide brauchen Führungskompetenz. Probleme können entstehen, wenn bspw. der Systemingenieur noch nicht einmal mit den externen Stakeholdern spricht. Wenn die Aufteilung nach innen und außen absolut ist, dann gibt es eine Trennung, die zu Problemen führen kann.

Der Systems Engineer sollte zumindest mit den externen Stakeholdern sprechen, um deren Bedürfnisse zu verstehen. (Paul Schreinemakers) Twittern

Dies trifft sowohl auf Projekt- als auch Firmenebene zu. Aber insbesondere in der Führungsebene fehlt oft das Verständnis, dass ein Systems Engineer gebraucht wird.

Und wie lösen wir das?

Es gibt mehrere Lösungen. Zum Beispiel sollte Kommunikation in den Curriculum von Systems Engineers aufgenommen werden. Es sollte auch berücksichtigt werden, dass die Rolle des Systems Engineers auch auf mehre Personen aufgeteilt werden kann, und dass alle Mitglieder eines Teams zumindest rudimentäre Führungsqualitäten haben müssen.

Ingenieure sind oft introvertiert. Daher sollten zumindest einige Personen des Teams eine extrovertierte Veranlagung haben, um für Balance zu sorgen.

Ein Systemingenieur sollte also eine solide technische Ausbildung haben, diese dann aber mit entsprechenden Führungskompetenzen ergänzen, richtig? Gibt es so etwas schon?

INCOSE hat das Leadership Training für vielversprechenden Nachwuchs, in dem Führungsqualitäten vermittelt werden. Und viele Konzerne haben entsprechende In-House-Programme. Ich denke da zum Beispiel an Thales, Airbus, Siemens, BMW oder BAE Systems. Damit können Mitarbeiter in einem Unternehmen den Platz finden, wo sie maximale Effektivität haben.

Was hast Du als nächstes vor?

Ich bilde selbst Profis aus, hauptsächlich in Firmen, an deren Bedarf und Reifegrad angepasst. Ich werde bald die Rolle des INCOSE Technical Directors aufgeben, die doch sehr viel Zeit verschlingt. Ich freue mich darauf, mich wieder verstärkt meinem eigenen Unternehmen zu widmen.

Aber ich bin sicher, dass INCOSE sich früher oder später auch wieder melden wird, mit neuen Herausforderungen. Wir werden sehen…

Bildquelle: Paul Schreinemakers

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.

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