Rezension: Das INCOSE SE-Handbuch 4.0

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Zusammenfassung: Das INCOSE SE-Handbuch ist das Standardwerk für die Zertifizierung zum Systems Engineer. Es orientiert sich am ISO-Standard 15288. Das Handbuch gibt es auf deutsch und englisch. Allerdings ist die deutsche Fassung von 4.0 noch nicht erhältlich. Die neue Version wurde nicht nur inhaltlich überarbeitet: Es wurde auch zum ersten Mal mit einem Fachverlag zusammengearbeitet (Wiley), wodurch sich das Erscheinungsbild gegenüber der 3er-Version erheblich verbessert hat. Hier geht es um die Rezension des englischen Buches.

Zielgruppe: Systems Engineers; Pflichtlektüre für Menschen, die das SE-ZERT (deutsch) oder CSEP (englisch) erwerben und damit zertifizierte Systems Engineers werden wollen; wertvolles Referenzwerk

Bewertung: ★★★☆☆ Inhaltlich sehr hochwertig, allerdings nicht die spannendste Lektüre. Die Struktur könnte besser sein, da wertvolle Informationen manchmal an unerwarteten Stellen auftauchen.

Erwerben: Für GfSE-Mitglieder gibt es das Handbuch kostenlos als PDF, sowie die Druckausgabe mit einem Rabatt von 55%. Ich empfehle Interessenten an der deutschen Version auf die Herausgabe der 4.0-Version zu warten. Nicht-Mitglieder können das Handbuch über den Buchhandel erwerben.

Details: Wer fachlich im Systems Engineering unterwegs ist, kommt eigentlich am SE-Handbuch der INCOSE nicht vorbei. Noch mal zur Erinnerung: INCOSE ist das „International Council on Systems Engineering“. Der deutsche Ortsverband ist die „Gesellschaft für Systems Engineering“ (GfSE). Das Systems Engineering Handbuch (SE-Handbuch) gibt es seit vielen Jahren und stellt die Grundlage für die Zertifizierung zum Systems Engineering Professional (SEP) dar.

Das INCOSE-Handbuch basiert auf dem ISO-Standard 15288. Dabei handelt es sich um eine internationale Norm über den Lebenszyklus von Systemen. Die Norm beschäftigt sich mit Ziel, Bewertung und Verbesserung von Prozessen. Der Standard wird regelmäßig aktualisiert, und daher ist die Jahreszahl im Standard enthalten. Die offizielle Bezeichnung der letzten zwei Versionen ist ISO/IEC/IEEE 15288:2008 und ISO/IEC/IEEE 15288:2015.Es ist daran leicht zu erkennen, warum das Handbuch überarbeitet wurde: Das 4er-Buch orientiert sich an der 2015-Version des Standards.

Version 4 des Handbuches orientiert sich an ISO 15288 von 2015, Version 3 auf die von 2008. Wer mit dem neuen Standard arbeiten möchte, sollte die 4er-Version des Handbuchs nutzen (in Kürze auch auf Deutsch).

Absolut lesenswert ist die knapp 20 Seiten lange Einleitung (Kapitel 2), sowie das folgende Kapitel 3 über generische Lebenszyklen (30 Seiten). Hier finden sich interessante Fakten, Fallsstudien und Anekdoten, die auch für erfahrene Systems Engineers lesenswert sind.

Danach geht es ans Eingemachte: Kapitel 4-8 befassen sich mit den verschiedenen Prozessen aus dem ISO-Standard. Diese Kapitel sind als Referenz vorgesehen und als solche auch sehr brauchbar. Die Prozesse wurden, im Gegensatz zum ISO-Standard, in vier Untergruppen unterteilt. Auch das trägt definitiv zum Verständnis bei.

In diesem Teil sind viele tolle Informationen versteckt, die allerdings schnell überlesen werden können. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Oft stellt sich die Frage, in welcher Reihenfolge Aktivitäten durchgeführt werden sollten, zum Beispiel Integration vor Verifizierung, und diese wiederum vor dem Validieren. Dazu findet sich in 4.9.2.3 ein interessanter Kommentar. Auch wenn Informationen durch viele Zwischenüberschriften relativ gut zu finden sind, so hilft eigentlich nur ein intensives Studium des Buches, um dessen vollen Wert nutzen zu können. Es gibt eben keine Abkürzungen.

Den Prozesskapiteln folgen dann noch drei Kapitel zu den Themen Tailoring (Anpassung von Prozessen, Kapitel 8), Methoden (Kapitel 9) und Besondere Aktivitäten (Specialty Engineering Activities, Kapitel 10). Auch hier steckt viel Wissen drin, insbesondere in den letzten zwei.

Erfahrenen Systemingenieuren empfehle ich auch die Lektüre von Kapitel 9 und 10, deren Nutzen über den einer Referenz hinausgehen.

In Kapitel 9 werden wichtige aktuelle Themen aus der Methodik wie MBSE, Schnittstellen-Management und agiles SE vorgestellt, neben vielen anderen Methoden. Es ist ein Jammer, dass jedes Thema nur in wenigen Seiten angerissen wird. Andererseits würde das auch über Rahmen des Buches hinausgehen.

In Kapitel 10 werden Aktivitäten vorgestellt, die nirgendwo anders hin passen – so kommt es mir jedenfalls vor. Die Einführung des Kapitels stellt diese allerdings als „wichtige Expertenfelder“ vor, die ansonsten keinen weiteren Zusammenhang haben (und daher auch alphabetisch sortiert sind). Die Themen reichen von Safety und Security bis zur elektromagnetischen Kompatibilität.

Abgerundet wird das Buch durch eine Anzahl von nützlichen Anhängen und einem Index.

Fazit: Bei dem SE-Handbuch 4.0 handelt es sich um ein solides Lehrbuch, dass sich im Vergleich zur Vorgängerversion deutlich verbessert hat. Als Standardwerk sollte es bei keinem Systems Engineer fehlen. Der Stoff wird allerdings eher trocken vermittelt, strukturell und didaktisch gibt es sicher Vierbesserungspotential. Daher drei Sterne.

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.

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