Spezialist oder Generalist – was für Systems Engineers brauchen wir?

Ist ein guter Systems Engineer ein Spezialist oder Generalist? Diese Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten. Hier ist meine Meinung dazu – andere Meinungen können diskutiert werden.

Ein Systems Engineer ist natürlich ein Generalist!

… denn dieser muss viele sehr unterschiedliche Disziplinen wenigstens rudimentär verstehen. Dies wird schön in der Fallstudie der Öresundbrücke im SE-Handbuch beschrieben, wo die einzelnen Disziplinen sogar aufgezählt werden:

Geotechnik, Aerodynamik, Fundamenttechnik, Windkanaltests, Design von Pfeilern und Pylonen, Gestaltung von Verbundträgern , Design von Kabeln und Verankerungen, Gestaltung von Strukturüberwachungssystemen, Schiff-Impact-Analyse, Erdbebenanalyse, Analyse von Schrumpf, Alter und Kriechen von Beton, Eis Lastanalyse , Lebensdaueranalysen , Straßenbelag, mechanische Systeme, elektrische Systeme, Komfortanalyse für Eisenbahnfahrgästen , Verkehrsprognose, Betrieb und Wartung, Analyse der Bauabschnitte, Risikoanalyse für den Bau und Betrieb, Qualitätsmanagement, Umweltstudien und Überwachung.

Diese Aufzählung ist sicherlich hilfreich, um die Aufgaben eines Systems Engineers besser zu verstehen. Die Fachleute sind natürlich oft noch mit den angrenzenden Disziplinen vertraut, aber niemand würde erwarten, dass der Experte für die Asphaltierung der Brücke sich auch mit dem Komfort der Eisenbahnfahrgäste auskennt.

In Projekten ohne Systems Engineer übernimmt häufig der Projektmanager die Aufgabe, über die Disziplinen hinweg zu koordinieren. Aber ohne zumindest rudimentäre Kenntnisse ist dies schwierig, und wird in der Zukunft nur noch schwerer werden. Daher macht, zumindest bei großen, komplexen Projekten, die Rolle des Systems Engineers viel Sinn. Damit fällt die Rolle des Projektmanagers nicht weg, im Gegenteil: Systems Engineer und Projektmanager müssen eng zusammenarbeiten.

Quatsch, ein Systems Engineer ist ein Spezialist!

… und im Titel steht ja auch schon was für ein Spezialist: einer für Systeme. Auch dies ist sicherlich richtig und wichtig: Es gibt schließlich eine Ausbildung zum Systems Engineer. Dort wird zwar auch am Rande auf die anderen Disziplinen eingegangen, aber im Rahmen von einem Bachelor- oder Masterstudiengang kann man sicher keinen Generalist schaffen, und diese Systemingenieure arbeiten trotzdem erfolgreich in Projekten.

Man kann hier sogar noch ein zweites Argument machen: Bei zu viel Detailwissen besteht die Gefahr, sich in den Details zu verzetteln, um die sich der Systems Engineer gar nicht kümmern muss und sollte. Schließlich kann und muss die Detailarbeit an die Fachleute delegiert werden.

Spezialist oder Generalist? Am besten beides!

Ich habe es ja auch schon an anderer Stelle gesagt: Ein guter Systems Engineer kennt zumindest eine Disziplin in der Tiefe, besser noch mehrere. Ein Systems Engineer braucht einen guten Draht zu den Ingenieuren, und selbst einmal auf der anderen Seite gesessen zu haben hilft dabei gewaltig. Man kann auch Systems Engineering nicht auf der Schulbank lernen – die Praxiserfahrung ist kritisch. Und auch hier hilft es, in einer Disziplin bereits gearbeitet zu haben. Denn in der Praxis kommt man zwangsläufig mit anderen Disziplinen in Berührung.

Zuletzt möchte ich hier noch ein Argument für den Bachelor machen, ein zugegebenermaßen in Deutschland nicht sonderlich beliebter Abschluss. Es wäre durchaus denkbar, einen B.S. in einer Ingenieurdisziplin zu erwerben und damit ein paar Jahre Berufserfahrung zu sammeln. Dann ist ein guter Punkt erreicht um zur Hochschule für einen M.Sc. im Systems Engineering zurückzukehren. Ein längerer Weg wäre ein M.Sc. in einer Ingeinieursdisziplin, gefolgt von Praxiserfahrung. Je nach Neigung kann dann die Vertiefung dann über eine Promotion erreicht werden (am besten in der Industrie), oder praxisnäher über eine SE-Zertifizierung durch INCOSE (bzw. GfSE).

Die besten Systems Engineers haben als Basis eine konkrete Ingenieurdisziplin mit Praxiserfahrung, ergänzt mit einer SE-Weiterbildung.

Spezialist oder Generalist? Am besten beides! Systems Engineering ist sehr anspruchsvoll, und das macht es zu einem hochinteressanten Beruf mit vielen Perspektiven. Ich kann diesen Weg sehr empfehlen.

Image courtesy of Danilo Rizzuti at FreeDigitalPhotos.net

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.