Standardkonforme Entwicklung mit ISO 29110 – auch für die Kleinen

Wer sich mit Systems Engineering auseinandersetzt, kommt an ISO 15288 nicht vorbei: „Systementwicklung – Der Systemlebenszyklus und seine Prozesse“. Einen guten Zugang zu dem Standard bekommt man übrigens über das INCOSE SE-Handbuch. Der Standard ISO 29110 wurde als „abgespeckte“ Version des ISO 15288 erschaffen, um insbesondere kleinen Firmen den Einstieg zu erleichtern.

Wer mehr wissen möchte ist eingeladen, auf der ReConf 2016 in München am 1. März den Fachvortrag zu ISO 29110 von Dr. Andrea Herrmann und Dr. Michael Jastram zu besuchen. (Frühbucherrabatt bis zum 29. Januar)

Der ISO 15288 ist sehr umfangreich, und gerade kleinen Firmen fragen sich: Ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis gegeben? Ist der Standard für unsere Bedürfnisse nicht überdimensioniert? Und: Was kommt da auf mich zu, und wer hilft, wenn es klemmt? Diese Aspekte wurden in der (kostenlosen) Studie Systems Engineering in der industriellen Praxis beleuchtet, was die folgenden Umfrageergebnisse aus der Studie zeigen:

Quelle: Systems Engineering in der industriellen Praxis (unity.de)

Der ISO 29110 wurde ins Leben gerufen, um diese Vorbehalte zumindest teilweise zu beseitigen. Zum einen sind viele Teile des Standards kostenlos. Das Problem ist weniger, dass sich kleine Firmen einen Standard nicht leisten können; aber es ist eine weitere Hürde, da Mitarbeiter genötigt werden, sich wieder mit Chef und Einkauf auseinanderzusetzen, nur um Zugang zu einem Standard zu bekommen.

Zum anderen ist der Standard modular aufgebaut, was es ermöglicht, klein anzufangen und schrittweise aufzubauen. Ein Nutzer braucht sich dann nur mit den relevanten Teilen des Standards zu beschäftigen. Die Idee finde ich super, aber die Umsetzung lässt zu wünschen übrig: Der Standard besteht aus fünf Teilen, von denen dann manche wieder weiter herunter gebrochen wurden, was zu Bezeichnern wie 29110-5-6-2 führt. Der Overview visualisiert das zwar (29110-1, Figure 1), allerdings finde ich die Darstellung eher verwirrend als hilfreich (das selbe gilt für den Text). Daher mein pragmatischer Rat:

Zum Einstieg empfehle ich Systems Engineers, mit ISO 29110-5-6-2 zu beginnen, und vielleicht in den Overview von ISO 29110-1 zu schauen, aber zumindest am Anfang alles andere zu ignorieren.

Das Profil ist im Prinzip nichts weiter als eine kompakte Prozessbeschreibung. Diese besteht auf oberster Ebene aus zwei Prozessen, und zwar Projektmanagement (PM) und Entwicklung (SR, System Definition and Realization).

Jeder dieser Prozesse wird dann in weitere Aktivitäten heruntergebrochen, die wiederum aus Tätigkeiten (Tasks) bestehen. Eine Tätigkeit wird von einer Rolle durchgeführt, benötigt Eingaben und produziert Ausgaben.

Das ist auch schon die Essenz des Profils. Diese Informationen werde primär tabellarisch dargestellt. Dazu im folgenden ein nicht ganz triviales Beispiel aus der Entwicklung, Task SR4.2, Die Umsetzung eines Harware-Elements:

ISO 29110-5-6-2, SR.4.2

In der linken Spalte ist die Rolle zu sehen, der Entwickler (DEV – Developer). Dann kommt die eigentliche Beschreibung der Tätigkeit, ein Hardware-Systemelement bauen oder verbessern. Als Eingabe werden eine Anzahl von Artefakten benötigt, insbesondere die Spezifikation. Und das Ergebnis ist das Systemelement, sowie begleitende Informationen des Elements.

Dies soll für heute reichen, doch wie Sie sich denken können, gibt es zu ISO 29110 noch eine Menge mehr zu sagen. Dazu mehr in einem zukünftigen Artikel.

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.

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