Wie Systemdenken die Todesrate in der Chirurgie fast halbiert hat

Atul Gawande (Bild) ist ein amerikanischer Chirurg, der die folgende Frage stellte: Um die beste Gesundheitsversorgung zu gewährleisten, brauchen wir die teuersten Experten, Medikamente, Prozeduren, Geräte, und so weiter? Über Systemdenken kam er zu der Antwort: Nein! Denn die teuersten Einzelteile gewährleisten nicht, dass das Ergebnis das Beste ist.

Was wäre, wenn wir ein Auto aus den besten Teilen bauen? Bremsen von Porsche, Motor von Ferrari, Karosserie von Volvo und das Chassis von BMW. Zusammengebaut ergibt das einen sehr teuren Haufen Schrott. Und so fühlt es sich in der Medizin manchmal an: Es ist kein System. (Atul Gawande)

Systemdenken kommt aus der Systemtheorie und beschäftigt sich mit der Frage, wie das ganze mehr sein kann als die Summe der Einzelteile. Atul Gawande wendet Systemdenken in seime Feld, der Chirurgie an. Sein TED-Talk How do we heal medicine? ist diesbezüglich sehenswert.

Wachsende Komplexität

In den 70ern sah ein Patient, der in ein Krankenhaus eingewiesen wurde, durchschnittlich zwei Fachleute während des Aufenthalts – Doktor und Krankenpfleger. Ende des Jahrtausends waren es 15! Früher waren Ärzte Generalisten, aber heute ist jeder Arzt ein Spezialist. Aber das bedeutete früher, dass ein Arzt mit Cowboy-Mentalität gute Ergebnisse erzielen konnte. Aber heute brauchen wir funktionierende Teams.

Wir haben unsere Leute als Cowboys ausgebildet und belohnt. Aber heute brauchen wir Pit Crews für unsere Patienten. (Atul Gawande)

Das Ergebnis: In jeder zweiten Operation wird etwas übersehen, bei explodierenden Kosten. Von Entscheidern und Ärzten kommt dann oft der Kommentar: „Das ist nun mal der Preis für den medizinischen Erfolg“. Aber die teuerste Behandlung ist zum Glück nicht immer die beste. Wenn es so wäre, dann müssten wir Medizin wirklich rationalisieren.

Wir sind besessen, die besten Einzelteile zusammenzubringen. Dabei vergessen wir oft das ganze. Das ist eine miserable Design-Strategie (Atul Gawande)

Drei wichtige Kompetenzen

Nachdem klar war, dass der Systemgedanke erforderlich Atul Gawande drei Kompetenzen für Erfolg:

1. Erfolg und Misserfolg unterscheiden können

Als Spezialist kann man schnell den Überblick des Gesamterfolgs aus den Augen verlieren. Der richtige Ansatz ist hier eine Datenanalyse, eine Aufgabe, die – für Cowboys und Ärzte – nicht sonderlich sexy ist.

2. Eine Lösung finden können

Wenn Operationen fehlschlagen, könnte dies an der Kompetenz des Chirurgs liegen; wenn das Problem jedoch woanders besteht, dann ist bspw. die Weiterbildung des Chirurgs nicht sonderlich effektiv.

Andere Industrien verstehen dies besser. Beim Bau von Gebäuden werden zum Beispiel viel Checklisten eingesetzt. Eine gute Checkliste ist ein Werkzeug, das einen Experten noch besser macht.

Systemdenken von Boeing

Diesem Ansatz folgend holte sich Atul Gawande Hilfe vom Lead Safety Engineer von Boeing. Dieser half dem Operationsteam, effektive Checklisten zu erstellen. Dabei ging es natürlich nicht um „Kochrezepte“, sondern darum, wichtige Dinge nicht zu vergessen. Dazu gehörte auch, die richtigen Zeitpunkte für die Anwendung der Listen zu finden, um potentielle Probleme zu adressieren, bevor sie zu Problemen werden. Heraus kam eine 2-Minuten-Liste, die aus 19 Punkten bestand. Das Ergebnis war dramatisch:

Wir setzten die Liste in acht Krankenhäusern weltweit um, in armen und reichen Ländern. Das Ergebnis: 35% weniger Komplikationen, 47% weniger Todesfälle. Ein dramatischer Erfolg! (Atul Gawande)

Aber erst die dritte Kompetenz macht Erfolg möglich:

3.Die Lösung umsetzen zu können

Trotz des beeindruckenden Ergebnisses sind Checklisten bei Operationen noch nicht die Norm, noch nicht einmal in den USA. Es gibt Widerstände: Die Einführung von solchen Werkzeugen erfordert Umdenken, und auch die Annahme von Werten wie Bescheidenheit, Disziplin und Teamwork. Dies ist leider noch nicht für alle Ärzte eine Selbstverständlichkeit.

Bild: atulgawande.com

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.

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