Fünf Prognosen zum Systems Engineering in 2016

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen – und das ist eine beliebte Zeit, in die Kristallkugel zu schauen. Hier sind meine Prognosen für 2016:

1. Agilität und Modellierung sorgen für effektiveres Systems Engineering

Agilität ist schon seit Jahren im Aufschwung: Insbesondere dort, wo Sicherheit keine (große) Rolle spielt, kann agiles Vorgehen Kosten senken und zu besseren Produkten führen, weil der Kunde frühzeitig ein Gefühl für das zu entwickelnde Produkt bekommt und Änderungen von Anfang an erwartet werden und dementsprechend berücksichtigt werden können.

Auf der anderen Seite ist inzwischen klar, dass die steigende Komplexität von Systemen nur mit Modellierung in den Griff zu bekommen ist, wie es unter anderem die INCOSE SE Vision 2025 vorsieht.

Wo ich aber viel Bewegung vorhersage ist bei der Kombination von Modellierung und agilem Vorgehen. Denn gerade durch das automatische, implizite Pflegen der Beziehungen der Modellelemente kann mit den vielen Änderungen beim agilen Entwickeln effizient umgegangen werden. Klar, das wird heute auch schon praktiziert, und deswegen denke ich auch, das wir davon in 2016 noch viel mehr sehen werden.

2. INCOSE und GfSE werden ihre Sichtbarkeit drastisch erhöhen

Als Mitglied der Gesellschaft für Systems Engineering (GfSE) und damit auch INCOSE (International Council on Systems Engineering) habe ich an der GfSE-Jahresversammlung teilgenommen: Die Mitgliedszahlen steigen exponentiell, und die Gesellschaft hat so viel Geld, dass eine Stiftung gegründet wird. Wenn man diesen Trend mit den aktuellen Problemen wie bspw. Fahrzeugsicherheit, oder aktuellen Trends, wie Industrie 4.0 verbindet, so wird es viele Möglichkeiten für die GfSE aktiv zu werden. Es gibt zwar auch andere Organisatzionen, die sich in diesem Bereich tummeln; mit der INCOSE im Rücken ist die GfSE in Deutschland jedoch gut aufgestellt, hier Einfluss zu nehmen.

3. Eclipse wir den Durchbruch (noch) nicht schaffen

Eclipse versucht seit mehreren Jahren, im SE Fuß zu fassen. Zu den bekannteren Projekten gehören PolarSys und Papyrus. Bisher waren die Ergebnisse eher enttäuschend, auch wenn von der Industrie Millionen investiert werden. Der Ansatz ist für die Industrie interessant, da es über Open Source möglich ist, sich von den Werkzeugherstellern unabhängig zu machen und die Langzeitpflege der Werkzeuge zu gewährleisten.

Aber der Werkzeugmarkt ist hart: Kommerzielle Nutzer haben die Wahl von mehreren kostengünstigen Modellierungswerkzeugen, und die Qualität der Eclipse-Werkzeuge ist einfach zu schlecht. Vielleicht ist Eclipse in ein paar Jahren soweit, aber noch nicht in 2016.

4.Offene Ansätze werden immer mehr von den Kunden gefordert

Auch wenn Eclipse als Modellierungswerkzeug noch nicht so weit ist, so ist Offenheit in aller Munde, aus zwei Gründen: Kosten senken und Planungssicherheit.

Linux ist für die Senkung der Kosten ein Paradebeispiel, denn es ist inzwischen als Betriebssystem für eingebettete Systeme weit verbreitet. Offene Hardwareplattformen wie Arduino und Raspberry Pi fangen ebenfalls an, Verbreitung zu finden.

Im Bereich Planungssicherheit sehe ich viel Bewegung bei Standards für Schnittstellen. Zum Beispiel wird das Requirements Interchange Format (ReqIF) inzwischen von allen wichtigen Werkzeugen unterstützt. OSLC, ein offener Standard für die Integration von Werkzeugen, wird ebenfalls heiß diskutiert.

5.Die Krise der Automobilindustrie wird sich verschärfen

Die VW-Abgaskrise ist noch lange nicht vorbei. Aber schon vorher bestand massiver Druck, sei es von neuen Herstellern wie Tessla im Bereich Elektroautos, oder von IT-Konzernen wie Google und Apple, die das Auto als das heißeste Gerät für das „Internet of Things“ entdeckt haben. Außerdem sind die Märkte langsam gesättigt, und Länder wie China setzen verstärkt auf eigene Fahrzeuge.

Aber auch in der Entwicklung selbst hängt die Automobilindustrie hinterher: Modellierung steckt noch in den Kinderschuhen, jedenfalls im Vergleich zur Luftfahrt, zum Beispiel. Übliche Lastenhefte für Zulieferer enthalten zehntausende von größtenteils unstrukturierten Anforderungen. Das ist ein Indikator für eine ineffiziente Arbeitsweise, die nicht mehr lange skaliert. Aber ich befürchte, dass die deutsche Automobilindustrie nicht den Mut und die Muße hat, dieses Problem anzugehen.

Bildquelle: Trish2

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.

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