TdSE 2017: Menschen & Modellierung

Letzte Woche fand der Tag des Systems Engineering (TdSE) in Paderborn statt, die größte Veranstaltung der Gesellschaft für Systems Engineering. Schon seit fünf Jahren besuche ich diese Veranstaltung als Vortragender. Dieses Jahr nahmen rund 300 Besucher teil, etwas weniger als letztes Jahr. Die heißen Themen dieses Jahr waren Menschen und Modellierung.

Der TdSE wechselt jedes Jahr den Standort. Dieses Jahr wurde Paderborn ausgewählt, welches verkehrstechnisch nicht sonderlich gut angebunden ist, was die stagnierende Teilnehmerzahl erklären könnte. Dafür konnten Besucher über den gesamten Zeitraum das Heinz Nixdorf MuseumsForum besuchen, das größte Computermuseum der Welt.

SysML, oder kein SysML – das ist hier die Frage

Dass Modellierung ein aktuelles Thema ist, lässt sich schon aus dem Programm erkennen: Es gab insgesamt drei Blöcke (mit insgesamt 9 Vorträgen) zu MBSE. Und auch in den anderen Themenblöcken erschien Modellierung. So ging es im PLM-Vortrag zu ConfigML bspw. um die Verwaltung von Modellen mit Modellen.

Mit MBSE wird oft SysML assoziiert, und es gab auch ein paar Vorträge und ein Tutorial speziell zu SysML. Doch zumindest in den Gesprächen wurde teilweise recht kontrovers diskutiert, ob SysML wirklich der richtige Weg für MBSE ist oder nicht. Wie bei vielen Technologien besteht bei der SysML-Modellierung zumindest potentiell ein Overengineering-Risiko. Dies wurde auch explizit angesprochen, zum Beispiel mit dem Tutorial SysML Light von Tim Weilkiens, Ralf Schuler und Stephan Roth.

In persönlichen Gesprächen begegnete ich unterschiedlichsten Meinungen, von „SysML 2.0 wird der Hit“ bis „SysML ist der falsche Ansatz“. Im zweiten Fall wurden DSLs oder simple ER-Modelle als zielführende Alternativen genannt.

Der Mensch

Das zweite Thema war der Faktor Mensch. Dies war weniger aus dem Programm erkennbar, aber das Thema zog sich wie ein roter Faden durch die Vorträge und Gespräche. Das ist sicherlich kein Wunder, denn Systems Engineering hat nun mal viel mit Kommunikation zu tun. Ich wirkte als Mitautor an dem Vortrag „Entwurfsklausuren zur agilen U-Bootenetwicklung“ mit, bei dem der menschliche Faktor auch eine Rolle spielte.

Werkzeuge werden bei der Einführung  von Systems Engineering als unwichtig wahrgenommen

Bestätigt wurde dies auch indirekt durch die Umfragen, die in Echtzeit durchgeführt wurden. Da wurde bspw. nach den wichtigsten Handlungsfeldern bei der Einführung von SE gefragt. Die „Organisation“ wurde da mit Abstand am höchsten eingeschätzt (49%), gefolgt von Prozessen und Methoden.

In diesem Zusammenhang auch interessant (allerdings nicht sonderlich überraschend), dass Werkzeuge als eine der unwichtigsten Handlungsfelder angesehen wurden. Es herrschte wohl der Konsens, dass zunächst die Menschen überzeugt werden müssen, gefolgt von vernünftigen Prozessen und Methoden. Erst dann ist es Zeit für die Werkzeuge.

Enttäuschende Keynotes

Wermutstropfen waren für mich die Keynotes. Eine Keynote sollte unterhalten und überraschen, und diesem Anspruch ist eigentlich keine gerecht geworden. Überrascht hat sicherlich die Keynote von Audi, in dem die Vortragenden offen zugaben, dass sie die Zeit verschlafen hatten, aber dies nun ändern wollten.

Audi verwaltet 60 Millionen Anforderungen, sieht aber eine Reduzierung nicht als Priorität

Unter dem Titel „Anforderungsmanagement als Basis für ein durchgängiges Systems Engineering bei AUDI“ argumentierten die Autoren, dass durch die Modellierung von Anforderungen das Produkt „Auto“ beherrschbar  und die Entwicklung zukunftssicher gemacht werden soll. Dabei zogen die Autoren zunächst Bilanz und erklärten, wie ca. 60 Millionen Anforderungen für 100 Farhzeugmodelle zustande kommen, nämlich über Modellierung. Auf die Frage, ob wirklich alle Anforderungen gebraucht werden, und eine radikale Reduzierung nicht vielleicht ein sinnvollerer erster Schritt sei, gab es keine zufriedenstellende Antwort. Eine gewisse Ähnlichkeit zu Daimlers MBSE-Einführung ist leider erkennbar.

Fazit

Systems Engineering ist nach wie vor ein Thema, und das Interesse ist nach wie vor hoch. Der TdSE ist eine tolle Konferenz mit spannenden Vorträgen, dieses Jahr mit viel zum Thema Modellierung, und dem Menschen als roten Faden. Ich freue mich schon auf nächstes Jahr.

Bild: Wikimedia, HNF Paderborn (CC-BY-SA)

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.