Wissen ist nicht genug: Was ein Systems Engineer wirklich braucht

Das fast 500 Jahre alte Sprichwort „Wissen ist Macht“ geht auf Francis Bacon zurück. Für Jahrhunderte war diese Weisheit ein guter Kompass, um im Leben erfolgreich zu sein. Dennoch argumentiere ich in diesem Artikel, dass Wissen zwar nach wie vor wichtig für Erfolg, aber nicht genug ist.

Wichtiger als Wissen ist das Können, also gute Ergebnisse produzieren. Diese Aussage trifft übrigens nicht nur auf Systemingenieure zu, sondern auch auf viele andere „Knowledge Workers“. Warum das so ist, erfahren Sie in diesem Artikel.

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Wissen gibt es umsonst

Noch vor 20 Jahren hatte jeder bessere Haushalt eine Encyclopedie. Inzwischen haben viele Verlage die Produktikon eingestellt. Heut wird kaum noch jemand zum Brockhaus greifen, da die deutsche Wikipedia inzwischen 2 Millionen Einträge hat (im Gegensatz zu den 300.000 im Brockhaus). Gleichzeitig ist Wissensmanagement ein großes Thema in vielen Firmen. Dort bemüht man sich, das Wissen der Firma auf verschiedene Weisen festzuhalten und den Mitarbeitern zugänglich zu machen.

Die deutsche Wikipedia ist etwa siebenmal so groß wie der Brockhaus Twittern

Das macht Wissen nicht weniger wichtig: Aber es macht Zugang zu Wissen zu einer Selbstverständlichkeit. Und es ändert die Beziehung zwischen Wissen und Können. Können ist das erfolgreiche Anwenden von Wissen. Das klassische Beispiel ist, dass man Schwimmen nicht aus einem Lehrbuch lernen kann, man muss es üben. Das Wissen ist lediglich die Voraussetzung für das Können. Früher war diese Voraussetzung nicht für alle erreichbar, heute ist sie (fast) eine Selbstverständlichkeit.

Können Sie das wirklich?

Ein verwandtes Thema der heutigen Zeit ist es zu beurteilen, ob jemand wirklich etwas kann. Der einfachste Weg dafür ist es, das Können zu zeigen. Daher gibt es ja auch das Gesellenstück oder Portfolios. Allerdings ist es in manchen Berufen gar nicht so einfach, dies zu zeigen. In der Softwareentwicklung hat sich inzwischen etabliert, Kandidaten Code am Whiteboard schreiben zu lassen (habe ich selbst viele Male gemacht).

Wir stoßen aber immer öfter auf zwei Probleme: (1) Das Können zu demonstrieren ist für manche Aufgaben wirklich schwierig. Und (2) der Entscheider kann das Können oft gar nicht selbst beurteilen. Diese Probleme treten auf für Aufgaben, die eine lange Laufzeit haben, und die nur von einer einzigen Person in der Organisation ausgeführt werden.

In manchen Fällen lässt sich die Laufzeit künstlich verkürzen: Eine Programmieraufgabe am Whiteboard mit acht Zeilen Code zu lösen ist nicht das selbe, wie eine komplexe Webanwendung zu programmieren. Aber in der Praxis hat sich dieser Ansatz bewährt.

Weiterhin lässt sich die Kompetenz am Besten von einem Experten aus dem selben Feld beurteilen: Ein guter Programmierer kann recht gut im Whiteboard-Test feststellen, ob der Kandidat wirklich programmieren kann.

Wissen zu prüfen ist leicht, Können hingegen schwer Twittern

Und vielleicht hier noch eine Anmerkung zum Lebenslauf: Ob die Erfahrung, die dort aufgeführt ist, heiße Luft ist, lässt sich bestenfalls über Referenzen prüfen. Sicherlich sinnvoll, aber nicht immer zuverlässig oder aussagekräftig. Was die Ausbildung betrifft, da hängt dies sicherlich von der Aufgabe ab. Ein Fahrzeugbauer mit gutem Zeugnis lässt in der Regel auf eine solide Ausbildung schließen. Andererseits ist es nicht unbedingt klar, dass jemand mit einem Master in Informatik auch programmieren kann: Informatik wird schließlich oft als Wissenschaft gelehrt (Computer Science), und nicht unbedingt als Ingenieursdisziplin (Software Engineering).

Kann der Systems Engineer, was er verspricht?

Von einem Systems Engineer (zumindest so, wie Paul Schreinemakers diese Rolle definiert), gibt es in vielen Organisationen nur einen, oder sehr wenige. Weiterhin ist es schwer, die Kompetenz eines Systems Engineers in kurzer Zeit zu evaluieren. Daher wird in vielen Fällen das Wissen abgefragt, und nicht das Können. Doch das ist gerade beim Systems Engineer das Wichtigste. Schließlich soll der Systems Engineer dafür sorgen, dass das Projekt fachlich ein Erfolg wird. Wie soll also das Können eines Systems Engineers bewertet werden?

Bei der Ausbildung ist dies nach wie vor schwierig, da es zur Zeit noch nicht viele Studiengänge gibt. Es ist sowieso fraglich, ob Systems Engineering als eigenständiger Studiengang Sinn macht, oder sich nicht eher als Aufbaustudium an ausgebildete Ingenieure richten sollte. Dies ist ein Ansatz, den das MIT in den USA ausprobiert, und hier in Deutschland der FH Campus02 in Kooperation mit oose.

Dann gibt es natürlich Zertifikate, die in einer kürzeren Zeit erworben werden als ein Aufbaustudium. Hier sind natürlich INCOSE/GfSE die erste Anlaufstelle, mit den SEP-Zertifikaten, bzw. SE-ZERT, dem deutschen Äquivalent.

Ausbildung und Zertifikat helfen sicher, das Können eines Systems Engineers einzuschätzen. Aber das Äquivalent eines Whiteboard-Tests gibt es nicht, und wird es auch sicher in naher Zukunft nicht geben. Daher bleibt eigentlich nur, die Referenzen sorgfältig zu prüfen, und sicherzustellen, dass ein kompetenter Systems Engineer mögliche Kandidaten auf Herz und Niere prüft.

Photo by Clark Young on Unsplash

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.