Zertifizierung – lohnt sich das?

Zertifikate kosten Zeit und Geld. Und manch einer fragt sich, ob der Aufwand sich lohnt – egal ob für einen besseren Job, oder für einen selbst. Und wenn man falsch an eine Zertifizierung herangeht, dann kann  es passieren, das wenig mehr als heiße Luft dabei herauskommt.

Wie man richtig an eine Zertifizierung herangehen sollte, erklärt Andrea Herrmann im heutigen Gastbeitrag.

Der Sinn von Zertifizierungen am Beispiel des CPRE (Certified Professional Requirements Engineer)

Zertifizierungsprüfungen, die auswendig gelerntes Wissen und Begriffe in Multiple Choice-Form abfragen, werden landläufig gerne unterschätzt. Natürlich bereitet Bulimielernen (d.h. das hastige Herunterschlingen ungekauter Wissensbissen) keine Freude, und so schnell wie man seine Sprüchlein auswendig gelernt hat, so schnell vergisst man sie wieder. Wer nur auf die Prüfung lernt, der lernt damit nicht automatisch auch fürs Leben. Aber das hat ja auch niemand behauptet.

Zertifizierungen mit Multiple Choice werden landläufig gerne unterschätzt (Andrea Herrmann) Twittern

Beispielsweise der Stoff der CPRE-Prüfungen besteht nicht nur aus Definitionen, die zu lernen und in der Prüfung wiederzugeben (bzw. wiedererkennen) sind, sondern auch aus Methoden, die angewendet werden müssen. Dazu gehören sowohl die UML-Notation als auch Auswahlkriterien für die richtige Methode in der passenden Situation. In der Prüfung gilt es also auch, Modelle zu lesen und zu verstehen oder in einer Fallstudie Techniken richtig auszuwählen. Im Berufsleben müssen Sie zusätzlich Modelle erstellen und Techniken anwenden, doch das kann in der Multiple Choice Prüfung nur schwer getestet werden.

Kurslänge

Wegen der Stoffmenge ist es leider nicht möglich, in einem dreitägigen Crash-Kurs sowohl die Prüfung vorzubereiten als auch die praktische Anwendung der Methoden einzuüben. Nach meiner Erfahrung braucht man für die CPRE-Prüfungsvorbereitung drei Tage (für das CPRE Foundation Level genauso wie für die Advanced Levels) und kann die vom CPRE empfohlenen Requirements Engineering Methoden in zwei weiteren Tagen einüben. Ich biete beide Arten von Kursen an, meist getrennt, manchmal auch kombiniert, wenn jemand fünf Tage investieren kann. In fünf statt drei Tagen bleibt zusätzlich zur Prüfungsvorbereitung auch Raum für Diskussionen und die Anwendung der Methoden auf eine konkrete Fallstudie. Es ist aber auch möglich, die Definitionen wegzulassen und in zwei Tagen nur die praktische Anwendung zu üben. Die Begriffe lernen die Teilnehmer dann nebenbei.

Auch wenn der dreitägige Crash-Kurs auf dem Markt am gängigsten ist: Es hat niemand angeordnet, dass man den Stoff in kurzer Zeit pauken muss (Andrea Herrmann) Twittern

Es ist möglich, in einem dreitägigen Crashkurs das Wissen einzutrichtern. Dazu bespricht man die Definitionen und hämmert sie durch mehrfache Wiederholungen ins Gehirn. Noch hilfreicher ist es für den Lerneffekt und die Merkfähigkeit, wenn man das Wissen anwendet, also damit etwas macht. Das kostet allerdings Zeit und ist somit nicht für den gesamten Stoff möglich, außer man nimmt sich wie gesagt fünf Tage Zeit. Noch entspannter gelingt das Lernen, wenn Sie sich erst in einem Crashkurs einen Überblick verschafft und die Prüfung nicht direkt am dritten Kurstag schreiben, sondern zwei, drei Wochen später. Da Kurs und Prüfung sowieso nicht durch dieselbe Person durchgeführt werden, können sie gut einzeln gebucht und geplant werden. Oder Sie lernen gemütlich schon zu Hause vor und nutzen den Crashkurs zur Wiederholung und Diskussion der Punkte, die beim Selbstlernen offen blieben. Dann können Sie auch entspannt anschließend gleich schreiben, weil Sie gerade auf dem Höhepunkt der Vorbereitung sind.

Machen Zertifikate schlauer?

Aber ist man mit diesem Wissen dann klüger und besser im praktischen Requirements Engineering? Weiß man dann immer in jeder Lage vorab, was die beste Lösung gewesen sein wird? Natürlich kann ein Standard nur eine zusammenfassende Abstraktion von vielen realen Einzelfällen darstellen. Er definiert das, was nach aktuellem Stand der Praxis und Stand der Forschung mit höchster Wahrscheinlichkeit die beste Lösung wäre und sich schon öfter bewährt hat. Ob das in Ihrem Projekt, das gerade auf dem Tisch liegt, auch so ist, weiß der Standard nicht zu sagen. Die Verantwortung für das, was Sie in der Praxis tun, kann Ihnen kein Druckwerk abnehmen. Im Gegenteil steht meistens im Kleingedruckten, dass der Standard angepasst werden darf, soll oder sogar muss. Das heißt praktisch, dass Sie das erlernte Wissen noch durch Ihre Erfahrung oder die Erfahrung der Kollegen sowie gesunden Menschenverstand, Hellsehen und viel Glück anreichern müssen, um erfolgreich zu arbeiten. Ein Standard liefert also keine vorgefertigten Antworten, sondern vor allem Fragen. Das ist hilfreicher als Sie nun vielleicht denken. Im richtigen Moment alle relevanten Fragen zu stellen, Parameter abzuprüfen und Checklisten durchzuarbeiten, macht professionelles, effizientes Arbeiten aus. Und genau dafür finden Sie im Standard Handreichungen.

Ein Standard liefert also keine vorgefertigten Antworten, sondern vor allem Fragen (Andrea Herrmann) Twittern

Eine gemeinsame Sprache finden

Am besten klappt die Kommunikation, wenn alle am Projekt Beteiligten dieselbe Sprache sprechen. Auch dabei unterstützt die Zertifizierung. In der Technikwelt treffen interdisziplinär viele Sprachen aufeinander: Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik, Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsingenieurwesen, Betriebswirtschaft und Medienwissenschaften. In Fachbüchern, die älter als die CPRE-Zertifizierung sind, finden Sie eine widersprüchliche, nichtstandardisierte Terminologie vor. Selbst wenn Sie Requirements Engineering Bücher mit Requirements Engineering Büchern vergleichen, werden für dieselbe Sache verschiedene Begriffe verwendet oder derselbe Begriff unterschiedlich definiert. Vor der Standardisierung musste darum jedes Projekt seine eigene Requirements Engineering Terminologie definieren, damit man nicht aneinander vorbei redet. Sind alle auf denselben Standard geeicht, sprechen sie von Anfang an dieselbe Fachsprache. Darum schicken Firmen gerne ganze Abteilungen auf Schulung und zur CPRE-Prüfung.

Auch wenn ich mit den CPRE-Crash-Kursen meine Brötchen verdiene, empfehle ich doch lieber eine zeitliche Entzerrung des Lernprozesses für einen nachhaltigeren Lerneffekt. Auch wenn es möglich ist, in drei Tagen von null auf hundert (oder zumindest 70) zu kommen: Was schnell gelernt wurde, wird auch schnell wieder vergessen. Wenn ich selbst eine Zertifizierung vorbereite, nehme ich mir ein bis zwei Monate Zeit. Eine andere Möglichkeit, sich das Lernen noch verdaulicher aufzuteilen, bietet ein E-Learning-Kurs. Hier können Sie den Zeitverlauf selbst steuern. Ich selbst habe einen CPRE-Vorbereitungskurs im Angebot, der gezielt die Beantwortung von Multiple Choice Fragen trainiert, und auch zusätzlich eine nichttriviale Fallstudie bearbeitet, damit Sie die Techniken im Einsatz erleben. So entsteht eine CPRE-konforme Anforderungsspezifikation.

Spaß am Lernen

Last but not least macht Erfolg auch Spaß. Ich gönne mir jedes Jahr ein weiteres Zertifikat oder auch zwei. Was für ein Gefühl, wenn man mal wieder bestanden hat! Man kann die hübschen Urkunden wie Briefmarken sammeln und auch Serien bilden: Foundation, Advanced, Expert!

Dr. Andrea Herrmann ist freiberufliche Trainerin und Beraterin für Software Engineering mit mehr als 20 Berufsjahre in Praxis, Lehre und Forschung. Sie ist Mitautorin von Lehrplan und Handbuch des IREB für die CPRE Advanced Level Zertifizierung in Requirements Management, sowie Regionalgruppensprecherin der Gesellschaft für Informatik in Stuttgart/ Böblingen. Ihren CPRE Foundation Level Kurs (Vorstellungs-Video) gibt es auch per E-Learning.

Dieser Artikel erschien zuerst bei se-trends.de.