Sechs Trends im Requirements Engineering

In diesem Blog wurde ja bereits über die Trends im Systems Engineering gesprochen. Heute geht es ums Requirements Engineering (RE), einer verwandten Disziplin. Die hier vorgestellten Trends basieren auf einer Innovation Trends-Studie, an der neben mir noch Robin Calhoun und Steve Gotsch von Jama Software teilgenommen hatten.

Produkte werden komplexer, die Entwicklung zieht nicht nach

Auslöser für diese Studie war unter anderem ein Report zu Requirements Engineering und Produktkomplexität, der bei engineering.com veröffentlicht wurde. Das Ergebnis war nicht wirklich überraschend: Produkte werden komplexer (90%), doch nur vergleichsweise selten werden professionelle Werkeuge eingesetzt, um diese Komplexität zu beherrschen.

So weit so gut, und es sollte noch gesagt werden, dass die Studie auch von Jama Software gesponsert wurde. Schließlich stellt Jama Werkzeuge her, die genau diese Nische füllen. Dennoch spiegeln die Ergebnisse meine Erfahrung aus der Praxis wider.

1.RE wird komplizierter – und unentbehrlich

Dieser Trend wird nicht nur von der steigenden Produktkomplexität getrieben, sondern auch durch höhere Auflagen wegen Compliance, Vorschriften oder Kundenerwartungen. Gleichzeitig werden entsprechende Werkzeuge gebraucht, da sonst einfach nicht effizient gearbeitet werden kann

2.Modellierung wird wichtiger

Ebenfalls schon oft erwähnt habe ich die Bedeutung der Modellierung. Alle professionellen RE-Werkzeuge benutzen Datenmodelle. Auch die Systemmodellierung fängt an sich zu verbreiten, wobei hier noch ein großes Potential bezüglich Integration besteht.

3.Investitionen in bessere Lösungen werden zunehmen

Auch dieser Trend ist nicht verwunderlich: Gute Werkzeuge für RE sind teuer, und mit den Werkzeugen allein ist es nicht getan, wenn nicht entsprechend die Prozesse neu gestaltet und die Menschen abgeholt werden. Das ist teuer, doch durch die steigende Komplexität der Produkte und die Risiken bei Problemen ändern die Bilanz.

4.RE-Praktien werden ähnlicher

Ich fand es schon immer spannend, welche Unterschiede es im Systems Engineering (und Requirements Engineering) gibt: Deutschland hatte schon immer einen starken Fokus auf textuelle Anforderungen (getrieben durch die Automobilindustrie). Frankreich hat viel Expertise in der Systemmodellierung, getrieben durch Luftfahrt und Zugtechnik. In den USA wurde schon immer pragmatisch, zielorientiert gearbeitet, weshalb der Trend der Agilität von dort kommt. Doch durch das Systematisieren der Ansätze und Prozesse bilden sich diese Unterschiede langsam zurück, und es etablieren sich globale „Best Practices“.

5.Steigende Erwartung an die Werkzeuge

Getrieben durch eine junge Generation von Ingenieuren werden hohe Erwartungen an die Werkzeuge gestellt. Nutzer von modernen Webanwendungen wie GMail oder WordPress werden beim (klassischen) Rational DOORS die Nase rümpfen – schließlich ist es schon über 25 Jahre alt, was man dem Werkzeug ansieht.

Diese Erwartungshaltung ist insofern gerechtfertigt, weil eine moderne, intuitive Oberfläche auch die Produktivität erhöht.

6.Wertschöpfung zählt, nicht Features

Die Zeiten sind vorbei, wo das Werkzeug mit der längeren Liste an Features gewinnt. Denn seien wir ehrlich, auch mit Papier und Bleistift lässt sich ordentliches Requirements Engineering praktizieren – es ist nur um Größenordnungen weniger effizient.

Da ordentliches RE teuer ist (Werkzeuge, Schulungen, Beratung, etc.), wird heute ein großer Wert auf Return on Investment gelegt. Und der lässt sich messen: Schneller am Markt, weniger Qualitätsprobleme, schnellere Audits, weniger Leerlauf.

Fazit

Von nichts kommt nichts – ohne eine entsprechende Investition in Requirements Engineering ist die Gefahr von Problemen höher denn je. Ob es dabei um den Kauf besserer Werkzeuge geht, Schulung der Mitarbeiter, Einführung neuer Methoden oder Verbesserung der Prozesse: All dies ist überlebenswichtig, denn sonst könnte das nächste Produkt schnell das letzte sein.

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jastram

Creator and Author of SE-Trends