Deutschland: Mut zur Innovation

Deutschland ist nach wie vor ein Powerhouse: Letztes Jahr wurden Waren und Dienstleistungen im Wert von 1,28 Billionen Euro exportiert. Die Folgen sind verstopfte Häfen und der berühmt-berüchtigte Fachkräftemangel. Manche Länder würden sich um Probleme dieser Art reißen.

Doch wenn man in die Nachrichten schaut und die Veränderungen in der Politik beobachtet, dann findet sich wenig von den eben beschriebenen Enthusiasmus wieder. Warum ist das so? Und wer hat Recht? Diese Themen werden im Folgenden beleuchtet.

Made in Germany

Ein Auslöser für diesen Artikel war ein Special Report zu Germany im Economist. In diesem lesenswerten Bericht ging es nicht nur um die Industrie, sondern auch um viele andere Themen. Doch hier beschäftige ich mich primär mit den Implikationen bezüglich der Industrie.

Was sind nun die Gründe für die beeindruckende Handelsbilanz? Ich sehe primär drei Punkte:

  • Historie & Ausbildung – Deutschland war schon immer ein Land von Technikern und Ingenieuren. Auch heute zehrt das Land noch von diesem Ruf, und das Ausbildungssystem ist nach wie vor gut für technische Berufe geeignet – trotz aller Reformen und Unkenrufe.
  • Etablierte Produkte – Dieser Punkt geht Hand in Hand mit dem vorhergehenden: Viele der Exportschlager aus Deutschland gibt es seit hundert Jahren: Autos, Chemie, mechanische Bauteile, usw. Dieser Wissensvorsprung wird nicht so leicht aufgeholt.
  • Reformen der 2000er – Auch wenn viele dies nicht gern hören: Volkswirtschaftlich waren die Reformen von Schröder Anfang der 2000er ein großer Erfolg. Was dies auf der menschlichen Seite bedeutet hat, sei mal dahingestellt. Doch hat sich innerhalb von 10 Jahren Deutschland vom „Kranken Mann Europas“ zum Superstar transformiert. Ob das wirklich an Hartz & Co liegt, wird immer noch debattiert.

Disruption

Das Modewort „Disruption“ stellt in Frage, ob diese Erfolgsgeschichte gut ausgeht. Alle drei Punkte sind davon betroffen: Wir können uns nicht mehr auf die Historie berufen. Etablierte Produkte (wie bspw. Autos) werden mit neuen Techniken und neuen Geschäftsmodellen neu erfunden. Und es eben bereits angedeutet, es wird in Frage gestellt, wie weit der Erfolg der deutschen Wirtschaft auf die Harz-Reformen zurückzuführen ist.

Ein gutes Beispiel ist – mal wieder – die Automobilindustrie. Die Automobilindustrie eignet sich hervorragend als Case Study, da in Deutschland immerhin einen von sieben Arbeitsplätzen stellt, und 20% des Exports.

Die deutsche Automobilindustrie stellt jeden siebten Arbeitsplatz und generiert 20% Export Twittern

In der Automobilindustrie ist die „Bedrohung“ auch sehr sichtbar: Bei Daimlers autonomen Fahrzeugen muss alle 3km eingegriffen werden, bei Google alle 9000km. In vielen Großstädten erscheinen Showrooms von Tessla, die seit 2012 zeigen, dass Elektroautos funktionieren. Anderen Industrien geht es nicht viel besser, bei den Autos ist das Ganze nur sehr sichtbar.

Auf den Markt

Die deutsche Industrie ist durchaus innovativ. Daimler hat bspw. bereits 1986 ein autonomes Fahrzeug entwickelt. Das Modewort „Industrie 4.0“ stammt ebenfalls aus Deutschland. Müssen wir uns also doch keine Sorgen machen?

Laut dem zitierten Economist ist das Problem der deutsche Perfektionismus: Wie Moritz Mueller-Freitag analysiert, bringen deutsche Unternehmen Produkte erst dann auf den Markt, wenn diese den eigenen Qualitätsstandards entsprechend perfekt sind. Dies ist sicherlich ein Unterschied zu der US-amerikanischen Mentalität, die Produkte beim Kunden reifen zu lassen.

Ich sehe aber ein anderes, wenn auch vielleicht verwandtes Problem: Wir Deutschen sind gut darin, Technologie zu entwickeln, aber schlecht darin, Produkte auf den Markt zu bringen. Und so bleiben leider viele Innovationen in Forschungsabteilungen, oder werden zu halbherzigen Produkten, die dann zwangsläufig scheitern.

Wir brauchen eine Start-up-Kultur

Wir sehen viel Bewegung im Markt, insofern bin ich optimistisch. Auch große Konzerne fangen an, beweglicher und mutiger zu werden.

Allerdings sehe ich ein strukturelles Problem, dessen Dringlichkeit meiner Meinung nach noch nicht erkannt wurde: Innovation kommt heute oft von kleinen Start-ups. Viele Konzerne sind Innovativ über Akquise. Nur: In den USA gibt es wesentlich mehr Akquiseziele als in Deutschland. Die Start-Up-Landschaft ist in Deutschland stark unterentwickelt. Risikokapital wird hier wesentlich zögerlicher vergeben als bei unseren angelsächsischen Nachbarn.

Das betrifft übrigens nicht nur Innovation, sondern viele andere Aspkete einer gesunden Wirtschaft. Das Rückrad der deutschen Wirtschaft ist der Mittelstand. Aber Mittelständler warn mal Start-ups. Ohne den entsprechenden Nachschub ist Deutschland verloren.

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