Was ist die INCOSE Vision 2025, und wird sich diese erfüllen?

Das International Council on Systems Engineering (INCOSE) ist eine gemeinnützige Organisation und weltweit tätig. Vor fünf Jahren wurde die „Vision 2025“ veröffentlicht, in der mehrere Trends im Systems Engineering hervorgesagt wurden. Damit ist etwa die Halbzeit des Dokuments erreicht.

Wie weit scheint die Vision 2025 die richtige Richtung vorausgesagt zu haben? Und wie weit ist es mit der Umsetzung? Darum geht es im Folgenden.

Vision 2025 – was drinsteht

Zunächst: Der Bericht selbst ist lesenswert und kann kostenlos von der INCOSE-Webseite heruntergeladen werden. Der Bericht ist in drei Teile unterteilt:

  • The Global Context for Systems Engineering – Teil 1 setzt sich mit der heutigen Welt und globalen Trends auseinander. Hier werden aktuelle Themen wie Vernetzung, steigende Komplexität und Umweltauswirkungen erläutert.
  • The Current State of Systems Engineering – Teil 2 beschreibt, wo Systems Engineering heute steht und wo heute die Herausforderungen gesehen werden.
  • The Future State of Systems Engineering – Teil 3 ist der interessanteste, denn hier werden mehrere Vorhersagen gemacht, die wir uns nun genauer anschauen.

Was sich bei der Anwendung von SE ändern wird

Breitere und regulierte Anwendung – Als die Vision 2025 geschrieben wurde, war SE in vergleichsweise wenigen Industrien ein Thema. In der Raum- und Luftfahrt wird SE natürlich schon seit Jahrzehnten eingesetzt, in anderen, wie der Fahrzeugentwicklung, erst seit vergleichsweise kurzer Zeit. Hier wird vorhergesagt, dass SE wesentlich breiter als wichtige Disziplin erkannt wird. Auch der Gesetzgeber wird tätig und schreibt SE-Praktiken vor.

Stand heute – Viele Firmen kämpfen mit steigender Komplexität und suchen nach Lösungen. Das bedeutet aber nicht, das SE als Lösung erkannt oder umgesetzt wird. Statt dessen sehe ich viele Versuche, die bestehenden Prozesse und Methoden effizienter zu machen. In manchen Bereichen, gibt der Gesetzgeber in der Tat richtige Impulse. Das ist aber eher die Ausnahme und folgt industriellen Praktiken, die sich bewährt haben, wie bspw. in der Luftfahrt oder Fahrzeugentwicklung. Oft hinterlässt der Gesetzgeber einen eher kopflosen, bzw. opportunistischen Eindruck.

Die Transformation von Systems Engineering

Mit verschiedenen Taktiken Komplexität beherrschen – Komplexität ist einer der wichtigsten Trends, und diese muss beherrschbar gemacht werden. Die Vision sieht hier das Zusammenspiel mehrerer Ansätze: Zum einen werden wir lernen, systematisch mit Komplexität umzugehen. Zum anderen werden die Werkzeuge durch eine hohe Integration, Vernetzung und Intelligenz die Nutzer dabei unterstützen. Da die Teams entsprechend groß sind, ist eine effektive Kollaboration ebenfalls unerlässlich. Auf der anderen Seite verlangen Kunden vernetzte Systeme (Stichwort IoT), was entsprechende Architekturen erfordert. Doch das erfordert auch ein Umdenken im Bereich der Sicherheit (sowohl der funktionalen Sicherheit als auch der Security). Formale Systemmodellierung wird hier als Lösungsansatz und Trend identifiziert.

Stand heute – Oje, da gibt es noch viel zu tun! Ich verfolge bspw. mit Interesse die Entwicklung von SysML 2.0, aber es wird noch Jahre dauern, bis der Standard verabschiedet ist und noch länger, bis es da moderne Werkzeuge gibt, die dieser Vision entsprechen. Große Firmen wie IBM, Siemens Dassault oder ANSYS versprechen Lösungen, doch diese basieren oft auf jahrzehntealter Technologie und wurden über Akquisitionen zusammengewürfelt. Hier ist noch eine Menge Aufzuholen

Systems Engineering Grundlagen & Ausbildung

Ein solides theoretisches Fundament – Die Praktiken im Systems Engineering werden an die theoretischen Erkenntnisse angepasst und schließen auch nicht-technische Themen mit ein.

Stand heute – hier sind wir auf einem guten Weg. Nicht zuletzt wegen einer standardisierten Zertifizierung, maßgeblich von INCOSE vorangetrieben, wird hier ein gute Basis geschaffen. Auch Universitäten bieten vermehrte eine SE-Ausbildung an, und auch die Privatwirtschaft hilft hier pragmatisch mit, wie das Systems Engineering Leadership Studium, das von oose und Campus02 angeboten wird.

Fazit

Die Vision 2025 ist ein spannendes und informatives Dokument, das lesenswert ist. Wie oft bei solchen Dokumenten ist es natürlich auch das Ziel, die Zukunft maßgeblich zu beeinflussen. Wirtschaft und Bildungsinstitute sollen zum Handeln motiviert werden. Dementsprechend wurden manche Themen auch aufgegriffen, insbesondere der Bereich Forschung und Weiterbildung. Doch in anderen Bereich besteht nach wie vor Aufholbedarf. Ob die Transformation des Systems Engineering in fünf Jahren vollzogen sein wird, wage ich stark zu bezweifeln.

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Michael Jastram

Creator and Author of SE-Trends