Anforderung bedeutet: „Halt die Klappe!“ – Keynote von Jeff Patton

Alle Jahre wieder – gestern endete die 18. ReConf in München, die inzwischen zu dem Treff für RE-Interessierte im deutschsprachigen Raum geworden ist. Dieses Jahr war das Thema „Beyond RE“, zu dem ich mit zwei Vorträgen und einem Workshop beigetragen hatte.

Leider hatte ich durch meine beruflichen Verpflichtungen nicht allzu viel Zeit, viele Vorträge zu hören. Doch die Keynotes habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Im Folgenden eine Zusammenfassung der Keynote von Jeff Patton.

Jeff Patton ist der Autor des bei O’Reilly veröffentlichten Buch User Story Mapping. Bevor er begann, klagte er zunächst über sein Verhältnis zu dem Wort „Anforderung“, was er dann später vertiefte.

Das Dreieck der schlechten Nachrichten

Jeff hielt einen extrem interaktiven Vortrag, bei dem er kontinuierlich auf Papier skizzierte, und während des Vortrags die Skizze erweiterte. Es begann harmlos mit einer Dreickecksbeziehung zwischen Zeit, Kosten und Scope. Er nannte es das „Bad News Triangle“, denn eine der Elemente muss immer auf der Strecke bleiben.

Doch selbst wenn wir versuchen, alle Drei Elemente unter Kontrolle zu bekommen, taucht ein viertes, geheimes Element auf: Qualität, die gnadenlos aus dem Dreieck gedrückt wird.

Missverständnisse

Jeff sieht sich als Produkt-Mensch, und bei vielen der von ihm angesprochenen Themen geht es um Missverständnisse und ein sauberes Verständnis der Begriffe.

Als Beispiel nannte er den Unterschied zwischen Output, Outcome und Impact:

  • Output – das, was unser Produkt ausgibt, in welcher Form auch immer. Darüber haben wir Kontrolle.
  • Outcome – das Ergebnis für unsere Nutzer. Das hingegen kontrollieren wir nicht, das kontrolliert der Nutzer.
  • Impact – die Bedeutung des Outcomes für den Nutzer.

Die Anforderungen kommen nicht zuerst

In der Produktentwicklung müssen wir nicht mit den Anforderungen beginnen. Die Entwicklung beginnt mit dem, was wir aktuell haben, dem Status Quo. Das kann übrigens das Produkt selbst sein, bevor es weiterentwickelt wird.

Doch Anforderungen werden zu oft nicht in Frage gestellt. Dazu erzählte Jeff eine Anekdote, als er gebeten wurde, Änderungen an dem Teil der Anwendung durchzuführen, für den er verantwortlich war. Er fragte daraufhin, wofür die Änderungen waren, für welche Nutzer, und so weiter. Als Antwort bekam er: „Es sind Anforderungen für das nächste Release.“ Er frage wieder nach: „Wie werden die neuen Features denn verwendet?“ – worauf die selbe Antwort kam. Dann wusste er plötzlich, dass „Anforderungen“ ein anderes Wort ist für: „Halt die Klappe!“.

Agilität zur Rettung

Eines der vielen Probleme in der Produktentwicklung ist, dass es viel zu viele Ideen gibt, und leider taugen viele Ideen einfach nichts. Das ist einer der Gründe, warum er Agilität für einen sinnvollen Ansatz hält: Je früher wir wissen, ob eine Idee schlecht ist, desto besser

Doch so leicht ist es dann auch nicht, denn auch die agile Entwicklung ist voller Tücken, und es gibt sehr unterschiedliche Interpretationen. Konkretes Beispiel: Was ist eigentlich ein „Minimum Viable Product“ (MVP)? Ist es ein Produkt mit gerade genug Leistung, um einen erwünschten Effekt im Markt zu haben? Das ist die ursprüngliche Bedeutung. Oder ist es etwas, womit wir eine Hypothese im Markt prüfen können? Das ist die Definition von Eric Ries. Das Problem: Zwischen diesen zwei Interpretationen von MVP liegt ein gewaltiger Unterschied.

Das Ergebnis zählt

Was Jeff Patton letzten Endes sagen wollte war: Das Ergebnis zählt (Impact). Und um zum Ergebnis zu kommen ist es ein langer, steiniger Weg. Letzten Endes hat Jeff uns viele Warnungen mit auf den Weg gegeben, und zum Schluss noch mal auf Marc Andreessens Zitat hingewiesen, Why Software is eating the world.

Auf der Reise zu erfolgreichen Produkten hat uns Jeff Patton viele gute Anekdoten mit auf dem Weg gegeben, hat uns daran erinnert, dass wir nicht alleine sind, wenn es in der Produktentwicklung mal nicht so läuft, wie wir es gerne hätten.

Bild: Jeff Patton