Agile Organisationsentwicklung – die Organisation als Produkt?

Der Titel ist der Name der Keynote von Jürgen Dittmar bei den Software Quality Days 2019. Der Vortrag war spannend und passt auch thematisch gut zu SE-Trends: Nicht nur Produkte sind Systeme, sondern auch die Organisationen, die diese entwickeln. Und daher kann die Organisation selbst auch mit agilen Methoden, statt mit traditionellen, weiterentwickelt werden. Doch funktioniert das in der Praxis?

Sicher ist, dass es im Moment an relevanten Buzz-Worten nur so wimmelt: Management 3.0 (M3.0), Agile Leadership, „VUKA“ (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität) – Organisationen stehen unter enormen Wettbewerbsdruck, und neue Ansätze sprießen überall, um die Herausforderungen zu meistern. Agilität hat sich bereits in der Softwareentwicklung bewährt, und ist dabei, andere Bereiche von Organisationen zu erobern.

Diese Sicht passt übrigens auch sehr gut zu meiner kürzlich veröffentlichten Analyse Was uns 2019 erwartet: Komplexität und Wandel.

Drei Thesen

Um die Problematik zu beschreiben, hat Jürgen Dittmar drei Thesen aufgestellt (im Folgenden gekürzt):

  1. Auf Veränderungen zu reagieren wird immer wichtiger. Aber: agile Methoden allein sind nicht die Lösung, denn schon mit „ganz einfachen“ Verhaltensänderungen haben wir große Probleme
  2. Systemische und nachhaltige Organisationsentwicklung ist eine gute Idee, wird aber selten praktiziert.
  3. Wir müssen mit einfachen Metaphern arbeiten, da Aussagen der Frameworks nicht konkret und greifbar genug sind, um für alle Führungskräfte attraktiv und umsetzbar zu sein.

Was bedeutet das nun konkret?

Die Kompliziertheits-Falle

Ein Problem nennt Jürgen Dittmar die „Kompliziertheits-Falle: Oft wird Kompliziert und Komplex verwechselt. Das erste ist ein mechanistisches, das zweite ein systemisches Weltbild.

Heute haben wir ein Problem mit der steigenden Komplexität. Diese Herausforderung braucht andere Lösungen als komplizierte Herausforderungen. Daher brauchen wir sozialen Wandel, wir müssen unser Verhalten ändern.

„There is a lot of bad Scrum out there“

Das obige Zitat ist symptomatisch für die Probleme bei der Oranisationsentwicklung, und damit These 2. Agile Transformation besteht aus vielen Elementen, wie Struktur, Prozesse, Tools & Training. Dabei wird aber oft die oberste Ebene, das Management, oft außer acht gelassen.

Eine Umfrage ergab, dass bei Transformationsinitiativen häufig (53%) die Kultur der Organisation mit agilen Werten im Konflikt stand. Doch die Transformation einer Organisation muss zwangsläufig von oben beginnen. Wenn die Führung diese Werte nicht vertritt und vorlebt, dann ist die Initiative zum Scheitern verurteilt.

Führungskräfte brauchen eine Perspektive, und diese fehlt oft. Das führt dann dazu, dass detaillierte Frameworks wie bspw. SAFe (Scaled AgileFramework) mit Begeisterung aufgenommen werden, aber nicht mit dem agilen Mindset umgesetzt werden.

„Das System managen, nicht die Menschen“

Die obige Aussage stammt von Jurgen Appelo (Management 3.0). In der Vergangenheit hat das Managen von Menschen funktioniert, da die Herausforderungen kompliziert waren. Heute sind sie komplex, da muss ein anderer Ansatz her. Hier passt die Metapher eines Gärtners, der Rahmenbedingungen schafft und nur manchmal eingreifen muss.

Eine andere Metapher ist, die Organisation selbst wie ein Produkt zu betrachten, welches kontinuierlich weiterentwickelt wird. Unter diesem Blickwinkel wird es wieder einfacher, agile Ansätze anzuwenden. Zum Beispiel wird dann offensichtlich, dass die Stakeholder – unter anderem die Mitarbeiter – mit einbezogen werden müssen.

Ebenso kann dann entsprechend ein Backlog aufgestellt und priorisiert werden. Oft ist der erste Backlog-Eintrag: „Eine nachhaltige Strategie- und Organisationsentwicklung erarbeiten“.

Fazit

Das Fazit des Vortrags war nicht wirklich überraschend. Welcher Teil einer Organisation muss der agilste sein? Das Management, denn eine die gesamte Organisation betreffende Transformation muss natürlich nicht nur von oben abgesegnet sein, sondern auch von dort vorangetrieben werden.

Foto: Tobias von Garnier
mit freundlicher Genehmigung von Jürgen Dittmar