Carsten Pitz: Mein Wunsch an die SE-Community

Zum Ende des Jahres gibt es einen Kommentar von Carsten Pitz zum Stand der Dinge in der SE-Community. Ist die SE-Community wirklich so verschlossen, wie Carsten es darstellt? Gerne in den Kommentaren diskutieren!

Der Beitrag ist ein bisschen provokant, passt aber dennoch ganz gut zu den Feiertagen.

Gastbeitrag

Gesten [18.12.2019] war ich noch einmal beim Kölner ScrumTisch. Nicht nur weil es das Weihnachtsspecial war. Nicht nur weil ich ein paar Menschen wiedersehen wollte. Sondern auch weil ich zwei passende Themen hatte.

SE-Trends ist ein Forum für Systems Engineers. Also warum erzähle ich von einem Besuch bei einem ScrumTisch?

Es geht hier um meinen Wunsch: Ich möchte, dass die SE-Community so Ergebnis-offen diskutiert wie die agile Community.

Carsten Pitz

Modeling Craftsmanship Treffen

Ich war bei allen Modeling Craftsmanship Treffen dabei. Dort geht die Atmosphäre schon in die erhoffte Richtung. Aber so ein ScrumTisch ist nochmal eine andere Nummer. Das Format, der Open Space ist das Selbe. Jedoch ist die Grundeinstellung der Teilnehmer eine Andere. Die Teilnehmer nehmen deutlich mehr teil, sind aktiver. Die Fragesteller öffnen sich mehr. Die Beratenden versuchen deutlich mehr, den Kern des Problems zu erfassen.

ScrumTisch

Ich platzierte auf ScrumTischen schon äußerst provokante, nicht in das agile Weltbild passende Thesen. Das Paradebeispiel ist: „Agil und Wasserfall unterscheiden sich lediglich in der Größe und Anzahl der Vs.“ Diese These wurde unvoreingenommen diskutiert, relativiert und änderte den MindSet einiger Teilnehmer nachhaltig. Gestern haben mich zwei Teilnehmer nochmal auf diese Session angesprochen.

Die Relativierung brachte ein erfahrener Scrum Master ein. Es ist nicht lediglich die Größe und Anzahl der Vs. Agil verfolgt den „Tiefe-zuerst“-Ansatz, Wasserfall hingegen den „Breite-zuerst“-Ansatz. Im Agilen realisiert das Team eine User Story nach der Anderen. Im Wasserfall hingegen realisiert das Team eine Architekturschicht nach der anderen. Am Ende war es eins Wissens-win-win.

Systems Engineering Community

In der SE-Community, oder genauer bei INCOSE Mitgliedern oder SysML Komitee Mitgliedern erlebe ich hingegen Probleme die Frage zu diskutieren: „Was unterscheidet Software Modeling von Systems Modeling?“ Wenn ich diese Frage lanciere, lautet die Standardantwort: „Systems Engineering und Software Engineering sind nicht dasselbe.“ Danach würgt der Gesprächspartner die Diskussion ab. Letzte Woche hatte ich ein Mitglied des SysML Komitees soweit, dass ich die Aussage erhielt: „Weil Systems Engineering etwas anderes ist als Software Engineering. Und in einer konkreten methodischen Anwendung der UML oder SysML, ist es auch kein Problem. Wenn in RT-UML und xtUML Sourcecode aus Ports generiert wird, interpretieren sie diese nur als Full-Port. Die UML lässt aber auch die Interpretation der Proxy-Ports zu.“ Als ich erwiderte: „RT-UML nennt Proxy-Ports halt nur Relay-Ports. Aber die Code Generatoren können damit umgehen. Habe ich selbst schon genutzt, wird im Papyrus-Wiki beschrieben„, war die Diskussion wieder ‚mal zu Ende.

Zurück zum ScrumTisch…

Eines meiner gestrigen Themen lautete: „Modell-basierter Scrum-Wasserfall Hybrid. Ein Erfahrungsbericht.“ War gut besucht und die Diskussion war offen. Ich habe etliche gute Tipps erhalten. Als Gebender war ich zugleich Nehmender. Am Ende wieder ein Win-Win.

… und zur SE-Community

Ich habe bereits mehrfach in der SE-Community Wege diskutieren wollen, entsprechend dem RFLP-Ansatz vom System Modell in die Domänen-spezifischen Modelle überzuleiten. Ist jeweils auf Ablehnung gestoßen.

Mein Wunsch: Ich wünsche mir den Geist der agilen Community in der SE-Community.

Carsten Pitz

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