Meister im Modellieren: Das Modeling Craftsmanship Camp #mcmscamp

Vor zwei Monaten berichtete ich bereits davon, dass ich zusammen mit Stephan Dankers eine Veranstaltung organisiere. Heute möchte noch ein paar Worte dazu sagen, denn am Wochenende haben wir die Registrierung zum ersten Modeling Craftsmanship Camp freigeschaltet.

Die Anmeldung zum ersten Modeling Craftsmanship Camp am 19. November 2016 in Hannover ist jetzt eröffnet! (Twittern) Die Early-Bird-Tickets (€20) sind bereits ausverkauft. Ticket jetzt sichern >>

Aber ich möchte hier weder einen Werbeartikel schreiben, noch wiederholen, was ich vor zwei Monaten bereits gesagt habe. Statt dessen möchte ich hier die Frage diskutieren, was Handwerk überhaupt ist.

Meister oder Akademiker?

Wir leben in einer Welt, die stark von Akademikern geprägt ist, zumindest in Deutschland ist das so. Welche Bedeutung die universitäre Ausbildung hat sieht man schon an den Zahlen: Inzwischen erlangen über die Hälfte eines Jahrgangs die Hochschulreife – 1950 waren es 5%. Und wenn man sich die Entwicklung des Landes im zweiten Teil des letzten Jahrhunderts anschaut, so hat dies der wirtschaftlichen Entwicklungen keinen Abbruch gemacht. Die wichtigen Fragen hier sind: brauchen wir überhaupt handwerkliches Geschick außerhalb der „traditionellen“ Handwerksberufe, und wenn ja, wird dies in der akademischen Ausbildung vermittelt?

Was ist Handwerk?

Wie der Name schon sagt, ist Handwerk das Arbeiten mit der Hand. Dabei geht es darum, das Endprodukt sorgfältig zu erschaffen, und zwar nicht als industrielles Massenprodukt sondern – eben – von Hand. Im Gegensatz zu typischen Schreibtischarbeiten muss im Handwerk jeder Griff sitzen, sonst ist das Material schnell ruiniert.

Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es im ersten Moment verständlich, dass sich die akademische Arbeit davon absetzt. Wer früher am Zeichenbrett (und erst recht heute mit der CAD-Software) konstruiert, musste sich in dem Moment nicht über Geschicklichkeit mit der Hand sorgen machen: Früher gab es für die Korrektur entsprechende Werkzeuge, und im Zeitalter des Computers lassen sich Fehler spurlos korrigieren. Also brauchen wir doch eigentlich kein Handwerk mehr, oder?

10.000-Stunden zum Meister

In seinem Buch Outliers behauptet Malcom Gladwell mehrfach, dass man 10.000 Stunden benötigt, um ein Meister zu werden – egal in welcher Disziplin. Auch wenn diese Regel ihre Kritiker hat, finde ich sie hilfreich. Und sie ermöglicht es, wieder die Brücke zur Nicht-Handarbeit zu schlagen: Denn das Meistern hängt vom Beherrschen ab, und das Beherrschen vom Üben.

10.000 Stunden, um ein Meister zu werden (Malcom Gladwell) Twittern

Alles muss geübt werden, auch Dinge, die nicht mit der Hand gemacht werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Programmieren, welches heutzutage fast jeder Akademiker lernt. Richtig Programmieren lernt man jedoch nur durch Programmieren, und daher lässt sich schnell der Code von einem Anfänger von dem eines Meisters unterscheiden. Ich habe im Laufe meines Lebens knapp eine Millionen Zeilen Code geschrieben, und viele Programmierer bestätigen, dass Programmieren eine handwerkliche Kunst ist. (Leider wird nicht jeder, der viel übt, auch zum Meister. Der Wille zum sich selbst übertreffen muss schon da sein.)

Die 70/20/10-Regel besagt, dass nur 10% von dem, was wir lernen, aus der theoretischen Ausbildung stammt. Twittern

Im Systems Engineering wurde schon mehrfach die 70/20/10-Regel erwähnt: Das Bedeutet, dass 70% des Lernerfolgs von der eigentlichen Arbeit stammen, und nur 10% von der eigentlichen Ausbildung. Die restlichen 20% kommen von der Interaktion mit Menschen.

Der Tot der Massenproduktion macht das Handwerk umso wichtiger

Zusammengefasst: Auch wenn die „Hand“ in Handwerk an Bedeutung verliert, so bleibt der Aspekt „lange üben“ bestehen. Was auch bestehen bleibt ist der Aspekt des „Meisterstücks“ oder Meisterwerks: also etwas wirklich gelungenem, das von einem Meister hergestellt wurde. Und hier sind wir wieder am Anfang: Das Gegenteil von Handwerk ist industrielle Massenproduktion. Aber um ein massenproduziertes Produkt zu erstellen, muss es erst entwickelt werden. Und die Artefakte der Entwicklung selbst können durchaus Meisterwerke sein. So wird die Software, die auf einem Handy läuft, nur ein einziges Mal geschrieben. Das ist ein von „Hand“ gefertigtes Einzelstück, welches dann millionenfach kopiert wird.

Hier kommt noch ein zweiter Aspekt dazu: die traditionelle Massenproduktion wird langsam zu einer Nische. Wir sehen das bereits im Automobilbereich, wo keine zwei Autos, die vom Band laufen, gleich sind. Zugegeben, die Autos sind immer noch industriell produziert, aber der Kunde erwartet immer mehr an die eigenen Bedürfnisse angepasste Produkte (mass customization), als auch ein Ergebnis statt einem Produkt (post-industrial society). All dies sorgt dafür, dass die handwerkliche Qualität von Ergebnissen an Bedeutung gewinnt.

Handwerk in der Modellierung

Der Kreis schließt sich wenn wir uns überlegen, was Modellierung eigentlich ist: Eine Abstraktion, die der Kommunikation dient. Modellierung zieht sich durch alles Bereiche des Lebens: Selbst ein Text wie dieser ist die Modellierung einer Idee. Ein Anforderungsdokument ist ein Modell der Kundenbedürfnisse.

Beim Barcamp Meister der Modellierung kennenlernen (camp.modelingcraftsmanship.com) Twittern

Bei unserem Modeling Craftsmanship Camp geht es konkret um die Systemmodellierung. Diese ist für uns Systems Engineers natürlich besonders wichtig, denn sie spielen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung komplexer und komplizierter Systeme. Wir haben in den letzten zehn Jahren spannende Fortschritte gemacht, und insbesondere eine eigene dafür Sprache erfunden, SysML. Bei unserem Camp geht es darum, uns mit anderen Meistern der Modellierung auszutauschen um Modelle zu erschaffen, auf die wir stolz sein können.