Was ist aus den fünf Prognosen zum Systems Engineering geworden?

Letztes Jahr habe ich fünf Prognosen zum Systems Engineering in 2016 gemacht. Heute möchte ich untersuchen, was aus diesen fünf Prognosen geworden ist.

1. Agilität und Modellierung sorgen für effektiveres Systems Engineering: Nun ja, wirklich sichtbarer Fortschritt war hier leider nicht zu sehen. Agilität ist im Bereich Anforderungsengineering und -management auf dem Vormarsch, als auch in der Implementierung (zumindest bei Software). Aber in den anderen Bereichen ist nicht viel davon zu spüren. Modellierung ist zwar ein fester Bestandteil in der Entwicklung, aber auch da eher im Design- und Implementierung (CAD, Softwareentwicklung), aber übergreifend ist nur punktuell etwas zu spüren.

2. INCOSE und GfSE werden ihre Sichtbarkeit drastisch erhöhen: Die Mitgliedszahlen der GfSE sind nach wie vor am wachsen, aber ich treffe trotzdem häufig noch Menschen aus Firmen, die zwar SE betreiben, aber noch nie von GfSE oder INCOSE gehört haben. Gefühlt besteht hier noch viel Nachholbedarf. Positiv zu bewerten ist, dass die GfSE dieses Jahr die Syscamps übernommen hat, wodurch über einen weiteren Kanal die entsprechende Zielgruppe erreicht wird.

3. Eclipse wir den Durchbruch (noch) nicht schaffen: Hier reden wir vom Durchbruch im Systems Engineering, denn in der Softwareentwicklung ist Eclipse ja längst etabliert. Zunächst: Um Eclipse brummt es nach wie vor, und auch große Konzerne mischen mit, wie Ericsson bei Papyrus oder Thales by Capella. Trotzdem sehe ich nach wie vor viel Skepsis, insbesondere was den produktiven Einsatz betrifft. Zum einen haben sich da einfach zu viele in der Vergangenheit die Finger verbrannt, zum anderen ist vielen bewusst, wie viel Arbeit notwendig ist, um ein Werkzeug für den produktiven Einsatz zu tailoren. Hinzu kommt, dass kommerzielle Werkzeuge für die Modellierung einfach zu günstig sind: Enterprise Architect kostet etwas über €100 in der günstigsten Version (um nur ein Beispiel zu nennen), und es gibt viele Alternativen – sowohl günstiger als auch luxuriöser. Als Eclipse sich den Markt für Java-Entwicklungswerkzeuge einverleibt hatte, da kosteten kommerzielle Werkzeuge hunderte oder tausende von Euros/Dollars, und die waren noch nicht mal sonderlich gut.

Kommerzielle Modellierungs-Werkzeuge sind zu gut und zu günstig, um Eclipse einen großen Markanteil zu ermöglichen Twittern

Das bedeutet: Eclipse wird so schnell kein Mainstream-Werkzeug im SE: In der Modellierung gibt es einfach zu viel Wettbewerb, und im SE kann Eclipse noch lange nicht mithalten. Mal schauen, ob und wann sich das ändert.

4. Offene Ansätze werden immer mehr von den Kunden gefordert: Hier muss man drei Gruppen unterscheiden:

  • Große Firmen schauen verstärkt auf offene Ansätze, insbesondere bei langen Produktlebenszyklen. Die Auflagen für Nachweisführung und die Notwendigkeit, auch nach Jahrzehnten noch nachzubessern, sorgen für einen enormen Druck. Außerdem haben sich zu viele hier schon die Finger verbrannt.
  • Kleine Firmen sind da pragmatisch, denn offene Ansätze sind – zumindest kurzfristig – eher günstiger, jedenfalls wenn die Total Cost of Ownership (TCO) mit in Betracht gezogen wird.
  • Akademische Nutzer hingegen weisen proprietäre Lösungen in der Regel kategorisch zurück. Zum einen schränkt das die Freiheitsgrade der Forschung stark ein, oder wird so wahrgenommen. Zum anderen scheuen sich insbesondere Studenten oft, sich mit den Formalitäten der Software-Beschaffung auseinanderzusetzen.

Bei kleinen Firmen werden offene Ansätze aus Kostengründen (TCO) oft abgelehnt Twittern

5. Die Krise der Automobilindustrie wird sich verschärfen: Wie weit die deutsche Automobilindustrie wirklich in der Klemme steckt, ist unklar. Noch gibt es keine (nennenswerten) Entlassungen. Aber in der Presse findet sich die Industrie häufig: Sei es mit dem immer noch nicht endenden VW-Diesel-Skandal, Elektroautos oder autonomen Autos. Mein Bauch sagt mir, dass die wirkliche Krise noch gar nicht sichtbar ist. Mal sehen, was 2017 bringt.

Was meinen Sie? Stimmen Sie dieser Analyse zu? Was sind Ihre Prognosen fürs nächste Jahr? Diskutieren Sie im Kommentarbereich mit!

Bildquelle: Trish2